Wie die Götter

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Ibraimo Alberto (l.) mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: privat

Potsdam (fb) Ibraimo Alberto arbeitet in Berlin für den Verein Vielfalt. Mit dem jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier war er auf einer Reise nach Afrika. Nun präsentiert er gemeinsam mit der Journalistin Julia Oelkers am 16. März 2018 in der Flüchtlingskirche, Wassertorstr. 21 a, 10969 Berlin, sein Buch „Ich wollte leben wie die Götter“.

Ibraimo Alberto liebt seine Heimat Mosambik. Und er weiß, was es heißt, aus rassistischen Gründen diskriminiert zu werden. Immer wieder hat Ibraimo Flagge gegen rechte Gewalt gezeigt und kämpft vehement gegen das Engagement der AfD.

Als Integrationsbeauftragter setzte er in Schwedt bewusst Zeichen, so zum Beispiel mit einem Schweigemarsch durch die Oderstadt gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Mike Bischoff und dem Verein Polnisch-Deutsche Standortentwicklung. Letztendlich gab er in der Oderstadt den Kampf auf und ging nach Karlsruhe. Dort fand er neue Partner und schrieb seine Gedanken nieder. Das Buch „Ich wollte leben wie die Götter“ las  auch der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Aufgewachsen als Sohn eines Medizinmannes auf einer Sklavenfarm in Mosambik erkämpft er sich als Kind das Schulrecht und legt dafür täglich 36 Kilometer durch den Dschungel zurück. 1981 bietet sich ihm die vermeintliche Chance eines Studiums im „Bruderstaat“ DDR.

Alberto boxt sich nach oben – im wahrsten Sinne: Er macht Karriere in einem Ostberliner Boxverein, nach der Wende boxt er für den Boxclub „Chemie PCK Schwedt“ in der Bundesliga. Schon zu DDR-Zeiten gibt es rassistische Übergriffe. Sein bester Freund Manuel, der mit ihm aus Mosambik gekommen war, wird von Nazis erschlagen. 1991 übernehmen Neonazis in seinem Wohnort Schwedt das Kommando. Alberto wird tagtäglich angepöbelt, beleidigt, angegriffen. Als die Rechtsradikalen  bei einem Fußballspiel drohen, seinen Sohn totzuschlagen drohen, weiß Alberto, inzwischen Ausländerbeauftragter in der Stadt an der Oder, dass er hier keine Zukunft mehr hat. 2011 erhält er „innerdeutsches Asyl“ in Karlsruhe.

Der in Karlsruhe lebende Ibraimo Alberto  reiste 2015 als Delegationsteilnehmer   mit Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier  in die  Staaten Mosambik, Sambia, Uganga und Tansania .

Ibraimo Alberto war Ausländerbeauftragter der Stadt Schwedt. Doch aufgrund seiner Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus verließ Alberto unter großem Interesse der Medien seine damalige Heimat. In Karlsruhe fand Alberto  nicht nur eine neue Arbeit,  sondern auch neue Liebe und Hoffnung. Er engagiert sich sowohl politisch als auch sozial. 2011 verließ er seine langjährige Heimatstadt – wegen des anhaltenden Rassismus.  Während eines Heimspiels  seines damals 17- jährigen Sohnes in der Landesklasse des Schwedter Fußballverseins gegen eine Mannschaft aus Bernau, kam es gegenüber zwei Spielern des Schwedter Vereins zu rassistischen Äußerungen. Nach Ende der Partie wurde zuerst der Sohn von Ibraimo Alberto und dann auch er selbst von einem Spieler des gegnerischen Teams massiv rassistisch beschimpft. Der Spieler suchte eine Schlägerei mit Ibraimo Alberto und drohte unter anderem mit den Worten: „Ich schlage dich tot“. Andere Fußballer konnten Schlimmeres verhindern und  hielten den Aggressor zurück. Der Schiedsrichter zeigte dem fraglichen Spieler nachträglich die rote Karte. Das Gericht in Bernau sprach zwar den Angeklagten frei, ging aber davon aus, dass es während des Spieles und möglicherweise auch danach rassistische Pöbeleien seitens der Bernauer Fußballer gegeben habe.

 

Der Vorfall ist nur einer, in der persönlichen Geschichte  Albertos, der sich  in eine Serie von Angriffen und Beleidigungen einreiht, die er über die Jahre hinweg  in Schwedt erdulden musste. Besonders bedrückt ihn bis heute, dass zahlreiche Zuschauer den rassistischen Ausfällen wort- und tatenlos zusahen. Der Entschluss der Familie Alberto, die Stadt zu verlassen, löste eine bundesweite Diskussion über Rassismus aus. Noch Monate nach dem Wegzug wurde Alberto durch eine Anrufserie mit Verhöhnungen und Drohungen von Schwedter Neonazis belästigt.

„In Schwedt wurde ich als Marionette  missbraucht. Der Kampf gegen Rassismus ist weiterhin mein Leben“, erzählt er heute traurig im Rückblick. Unvergesslich bleibt für ihn auch in dem Zusammenhang der Auftritt von Bundeskanzlerin Merkel, bei einem Bürgerdialog in einer Rostocker Schule. Eine Schülerin berichtete dort über die Belastungen während  des Asylverfahrens – und die Angst vor drohender Abschiebung. Die Kanzlerin zeigte zwar Verständnis, verwies aber auf die deutschen Gesetze. Daraufhin brach das Mädchen in Tränen aus. Merkels Versuch, die 14-Jährige zu trösten, sorgte für viel Aufsehen, und für Betroffenheit bei Alberto, so berichtet er beim Treffen mit der Prenzlauer Rundschau

 

Die Afrika-Reise unterstrich Albertos politisches Engagement. Der Hintergrund der Reise war, dass angesichts großer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung und sinkender Rohstoffpreise sich alle vier besuchten  Länder um deutsche Investitionen bemühen, so die Aussage  auf der Homepage von RTL. Steinmeier sagte, zu einem guten Umfeld gehöre „in allererster Linie“ die Bekämpfung der Korruption. „In vielen Ländern, die wir auch jetzt hier besuchen, lässt das sehr zu wünschen übrig. Hier geht es nicht um Wunsch und Vorstellung, sondern um Leistung und Gegenleistung“, meinte er in einem Interview mit der ‚Deutschen Welle‘. So war es richtig, nach all den Vorkommnissen in der Uckermark Alberto mit nach Afrika zu nehmen,  auf eine Reise, in der er Vergangenheit und Gegenwart verbinden konnte. Auf einer weltweiten Rangliste der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International liegt Uganda auf Platz 142 von 175 Staaten. Gegen die Präsidentenfamilie gibt es massive Korruptionsvorwürfe. Bei der Reise mit Steinmeier kam es sowohl zu einem Treffen mit Museveni als auch mit Kandidaten der Opposition. 2016 steht in Uganda die Präsidentschaftswahl an. Steinmeier lobte Uganda als „Stabilitätsanker“ in der Region. Dem Präsidenten dankte er für dessen Bemühungen, einen neuen Bürgerkrieg in Burundi zu vermeiden. Uganda spiele hier eine „sehr konstruktive Rolle“.

 

So veröffentlichte Alberto das Buch „Ich wollte leben wie die Götter“. Sein Blick ist dabei auf die Zeit in der Uckermark gerichtet. Auch darüber tauschte er sich mit dem Bundesaußenminister aus. Nach der Reise geht der Blick zurück nach Schwedt und den damals dort ansässigen Jugendtreff „“Flash Too, der vom Trägerverein Podest (Polnisch-Deutsche Standortentwicklung) getragen wurde und dessen Leiter Alberto war. Vor der Auflösung des Vereins und des Jugendtreffs, kam es zu einem letzten öffentlichen Auftritt Albertos als Ausländerbeauftragter in geschlossener Runde. Aus diesem Anlass wurde der Nazi-Aussteiger-Film „Einer von uns“ zum Abschied gezeigt. Dieser gewann erst nach den NSU-Anschlägen Bedeutung. Dies war bei seiner Premiere im September 2010 noch nicht der Fall gewesen. Bei der Premiere des Films an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt  gab es Vorbehalte, weil es angeblich keine rechte Szene in der Uckermark mehr geben würde. Durch die Anschläge der Terrorgruppe und dem jetzt eingeleiteten NPD-Verbotsverfahren gibt es nun auch eine andere Einschätzung.

Den Verein und den Jugendtreff gibt es nicht mehr. Nach einem Überfall, bei dem es klar gegen das Nachbarland Polen ging und die polnische Fahne von rechtsgerichteten Jugendlichen und Erwachsenen von der Wand im Jugendtreff gerissen wurde, gab man auf. „Die Mehrheit der Vereinsmitglieder und der Vorstand sehen in dem Überfall einen Angriff auf polnische Mitarbeiter und Vereinsmitglieder. Sie haben sich darüber verständigt, den Verein aufzulösen“, hieß es von der Vereinsführung.

 

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Ibraimo Alberto, nun wieder in Berlin. Foto: Frank Bürger

 

Beitrag: Frank Bürger

 

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