
Berlin. Autor Prof. Dr. Traugott Schächtele setzt sich mit dem Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ von Joachim Bauer auseinander.
Von Frank Bürger

Joachim Bauer, Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können, Heine München, 320 Seiten, 24 Euro
Joachim Bauer, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut, und mit seinen Büchern regelmäßig in den Sachbuch-Bestellerlisten zu finden, legt bei einem aktuellen Thema von hoher menschlicher und politischer Brisanz nach. Nach dem vor drei Jahren erschienen Buch „Realitätsverlust“, in dem er bereits eindringlich vor dem Verlust der Menschlichkeit in einer durchdigitalisierten Welt warnt, legt er dieses Mal den Fokus ausdrücklich auf die Gefährdung der Menschlichkeit durch die neueren Entwicklungen im Zusammenhang der Nutzung der Künstlichen Intelligenz (KI). Wenn ich die übergroßen Erwartungen, die derzeit immer mehr Menschen mit der Nutzung von KI in Verbindung bringen, wahrnehme und analysiere, bin ich über die Veröffentlichung dieses Buches eigentlich nur froh. Immer wenn ich implizite und explizite Heilsversprechen registriere, leuchten rote Alarmglocken auf. Das Buch von Joachim Bauer ist im Grunde so etwas wie eine in Buchstaben bzw. in Buchform gebrachte rote Alarmglocke.
An den Anfang seines Buches stellt Bauer eine Psychoanalyse des Silicon Valley. In knapper Form kommt er zu folgenden Ergebnissen:
- Mensch und Maschine sollen am Ende verschmelzen und der Mensch müsse umprogrammiert und optimiert werden. Hier wird neben der ausführlichen Darstellung der Positionen von Marc Andreessen und Ray Kurzweil auch Peter Thiel zitiert, der einer der Vordenker der MAGA-Bewegung ist, ebenso aber auch Elon Musk. Die Priester des neuen Menschen sind längst politisch etabliert. Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Vertrauen sind ausdrücklich als Feinde dieses Denkens diskreditiert. Die Einfallspforte für das Bedürfnis nach Selbstverbesserung führt durchaus in den Kernbereich der Theologie. Bauer schreibt: „Die vielleicht schwierigste Aufgabe im Leben besteht darin, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. (…) Der Mensch fühlt sich ständig auf dem Prüfstand, ob er ‚gut genug‘ ist.“ Was Luthers in seiner Rechtfertigungslehre im Verweis auf den Glauben an Christus im Vertrauen auf einen gnädigen Gott thematisiert, versuchen die Gralshüter der Silicon Valley-Religion gewissermaßen mit den Möglichkeiten von KI zu lösen.
- Der Körper als Resonanzraum der Menschlichkeit hätte dann ausgedient. Die menschliche Biologie wäre zur Mathematik und Physik mutiert. Für Gefühle und Subjektivität, auch für das, was wir als die Vulnerabilität des Menschen beschreiben, gäbe es dann keinen Platz mehr, es wäre gewissermaßen überwunden. Auf „Embodies Cognition“ aber könne der Mensch, so Bauer, aber nicht verzichten, ohne sich selbst zu gefährden.
- Die Vertreter dieses neuen Menschen gestehen der KI Bewusstsein und natürliche Intelligenz zu. Genau dieses aber bestreitet Bauer ausdrücklich. Computer sind von Menschen gefütterte Maschinen, die keinerlei Fähigkeit etwa für Gefühle besitzen und solche bestenfalls simulieren. „Körperliches Handeln und Fühlen, sensomotorische Erfahrungen – in einer realen Welt sind der Kern (oder die Basis) aller Intelligenz.“ Aber genau auf solche körperlichen Erfahrungen ist der Mensch dringend angewiesen. Hier beschreibt Bauer einmal mehr die Funktion und Bedeutung, die dem Gehirn und dem menschlichen Körper zukommen. Schon Kleinkinder versuchten, die Welt im Sinne des Wortes zu „begreifen“. In einer Bildungskaskade kommt es zur Ausbildung von Intelligenz, von Konzepten und Symbolen. Letztere spiegeln sich dann in der Ausbildung der Sprache wider.
Nach dieser grundsätzlichen Beschreibung der „Glaubensartikel“ der Vertreter des neuen Menschen stellt Bauer die Werkzeuge und Methoden der immer digital werdenden Welten vor. Dabei warnt er ganz grundsätzlich vor den neuen Abhängigkeiten, die längst auch in Kitas, Schulen und Universitäten Einzug gehalten haben. Die Folge von KI sei ein De-Skilling, man könnte drastischer auch von „Verblödung“ sprechen. Die Folgen seien schon heute (aber später mit noch größerer Wucht) in den Praxen der Medizin und Seelenheilkunde zu spüren. Eine der ganz großen Gefahren sieht Bauer in Chatbots, die gewissermaßen als Ersatz für nicht mehr gepflegte zwischenmenschliche Beziehungen fungieren. Selbst der Suizid gehört hier zu den realen und auch schon in die Wirklichkeit gezogenen Gefahren.
Wichtig ist: Diese rote Alarmglocke will nichts und niemanden verteufeln. Sie will warnen und wachrütteln. Joachim Bauer nutzt die Möglichkeiten der digitalen Technik auch für sich selber. Seine Sorge ist aber, dass der Mensch, der in der Tradition der Aufklärung sich seines Verstandes bedienen soll, seine Verantwortung an die KI-gestützten und KI-gesteuerten Maschinen abgibt. Es geht ihm um eine „Balance zwischen Technikfreundlichkeit und Humanität“ und darum, den „Primat der analogen Welt“ abzusichern. Bei Kindern sieht er diese etwas auch in der Beibehaltung der Fähigkeit der Handschriftlichkeit. Er plädiert für sinnvolle Altersgrenzen für die Nutzung digitaler Endgeräte und eine politische Begrenzung der „monopolistischen Macht der Digitalkonzerne.
Wer der KI gesteuerten hoch-digitalisierten Welt ohnedies mit einer gehörigen Portion Misstrauen begegnet, kann in diesem Buch die nötigen Argumente finden. Wer sich erst einmal selbst kundig machen will, wird auf viele Informationen und Erfahrungen in kompakter Form stoßen. Wer sich Sorgen über die Langzeitwirkungen der KI-Abhängigkeit macht, wird sich hier bestätigt fühlen. Gerade aber die, die in den Botschaften der Vertreter von Silicon Valley einen Gewinn für die Zukunft der Menschheit wahrnehmen, müssten dieses Buch zuallererst lesen, um in der von großen KI-Heilserwartungen geprägten Welt, deren Muster eher einem Hype als einem vernunftgesteuerten Umgang mit KI ähneln, ihre eigene Diskursfähigkeit unter Beweis zu stellen. Weil die skeptisch eingestellten Menschen in der Minderheit sind, ist es ein großer Gewinn, dass es dieses Buch gibt. Ein 27 Seiten starkes Literaturverzeichnis legt klar, dass das Buch nicht mit leichter Hand dahingeschrieben wurde, sondern wissenschaftlich fundiert argumentiert – und dabei doch verständlich geschrieben und leicht zu lesen ist. Gut, dass bisweilen solche roten Alarmglocken läuten.
