
Berlin. Gerne schauen die Deutsch-Polnischen Nachrichten in die Ferne, hier ein Gastbeitrag von Georg Eichsteller, Pfarrer in Norwegen.
Von Frank Bürger
Nach einer solch erlebnisreichen Zeit, wie diese, die wir in Thailand verbracht haben, ist es nicht schwierig Bilder zu schicken. Davon haben wir reichlich gemacht. Es ist schwieriger, sich zu begrenzen. Dies gilt auch für die Geschichten, die wir erzählen könnten.
Anfrage in Norwegen
Wir sind von der Regionskonsulentin der norwegischen Missionsgesellschaft angefragt worden, ob wir nicht Lust hätten, sie und ihren Mann mit nach Thailand zu begleiten. Sie haben ein großes Herz für dieses asiatische Land und würden uns gerne einige ihrer Missionsprojekte zeigen. Dem norwegischen Winter in den Monaten Januar und Februar, der Kälte und der Dunkelheit zu entfliehen, war auf jeden Fall reizvoll. Wir durften auch eine Freundin mitnehmen, die eine gute Reisegefährtin ist.
Drei Stationen
Innerhalb Thailands besuchten wir drei Orte, die Ausgangspunkt unserer Unternehmungen sein sollten. Zuerst die Hauptstadt Bangkok. Nach ein paar Tagen ging es weiter mit dem Flugzeug nach Nan – einer Stadt im Norden, und einer anschließenden Autofahrt, die uns fast bis an die Grenze zu Laos führte. Abschließend gönnten wir uns ein paar Tage auf Ko Lantha einer Insel im Südwesten.
Die Eindrücke von Bangkok, einer Stadt, die nie schläft, sind enorm. Die Stadt der Engel mit ihren Gegensätzen von arm und reich sind für uns bedrückend. Die Königsfamilie in Form von Bildern und Schreinen, sowie der buddhistische Glaube, der am deutlichsten in goldverzierten Tempeln und Buddhastatuen zu sehen ist, sind allgegenwärtig. Wir wurden von einem christlichen Ehepaar vom Flughafen abgeholt und in das Missionshaus gefahren, wo wir drei Nächte übernachten sollten. Viel Zeit hatten wir nicht, um uns frisch zu machen. Schon ging es los zur ersten Kirche. Ein Streicherensemble erwartete uns, bestehend aus etwa 40 Kindern und Jugendlichen. Sie begrüßten uns mit der „Kleinen Nachtmusik“ von Mozart, wechselten dann über zu einem alten Kirchenlied und schlossen ab mit dem bekannten Schlager „You raise me up“, welches der norwegischen Musiker Rolf Løvland komponiert hat. Ein engagierter Dirigent, Anfang 30, zeigte uns die Kirche und erzählte, wie die Gemeinde durch das Musizieren Kinder von der Straße holt und ihnen eine Lebensperspektive eröffnet. Sie bekommen Essen, Kleidung, Schulgang und lernen, ein Streichinstrument zu spielen – und zwar auf einem richtig guten Niveau.
Besuch im Kindergarten
Das zweite Projekt, für das wir uns Zeit nahmen, war der Besuch eines Kindergartens. Welches Schicksal Kinder in Thailand erleiden können, macht uns betroffen und traurig. Gewaschen, in ordentlichen Kleidern und einer guten Mahlzeit im Bauch, sehen sie aus wie Kinder aussehen sollten: Glücklich. Als wir nachmittags durch das Slum gelaufen sind, in dem der Kindergarten liegt, erfuhren wir auch, wo die Kinder wohnten. Oje, konnten wir uns da nur denken. Je länger und besser die Kindergarten- und Schulzeit ist, desto größer ist die Chance, dass die Kinder aus ihren ärmlichen Verhältnissen herauskommen.
Gottesdienst
Am Sonntag erlebten wir einen netten Gottesdienst, in dem Gemeinschaft, Spielen, Essen und Gottes Wort zentral standen. Neben einem pfiffigen, jungen thailändischen Diakon, der ehrenamtlich das Allermeiste durchführte, war auch ein norwegischer Pfarrer zugegen, der in gut verständlicher Landessprache – soweit wir das aufgrund der Reaktionen der Anwesenden schließen konnten – seinen Teil dazu beitrug. Wir wurden herzlich in die Gemeinschaft mit aufgenommen. Abends trafen wir den norwegischen Pfarrer wieder, zusammen mit seiner Frau und anderen Angestellten der Missionsgesellschaft. Wir fuhren zu einem schönen, am Meer gelegenen Ausflugslokal und aßen einheimische Spezialitäten, die uns aufgrund ihrer Schärfe die Schweißperlen auf die Stirne trieben.
Der Norden
Unsere Reise führte uns weiter in die nördliche Region Thailands. Ein pensionierter Pfarrer, der ehemals auch Bischof war, holte uns mit seinem geländegängigen Auto ab. Wir mussten uns auf zwei Autos verteilen, weshalb er einen anderen Einheimischen mit engagiert hatte. Wir fuhren etwa drei Stunden nach Ban Bo Luang. Dort übernachteten wir in einem Hotel, dessen Haupthaus wie ein überdimensionierter Hut aussah. Die Umgebung war richtig schön. Wir wussten aber nicht, dass es dort jede Menge Hähne gab, die morgens ab ca. 4.30 Uhr mit ihrem Kräh-Konzert begannen.
Die Tage waren gefüllt mit Besuchen der örtlichen Gemeinden. Dazu mussten wir in Bergdörfer fahren, die ohne Geländeautos für uns nicht zugänglich gewesen wären. Man kann sich gut vorstellen, wie man in den Regenmonaten auf Schlammstraßen schlittert. Wir besuchten einige Kirchen, eigentlich mehr Säle mit einem Kirchenschild über dem Eingang, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass man sich hier an einem heiligen Ort befand. Am beeindruckendsten waren für mich jedoch der direkte Kontakt zu den Menschen. Sie leben zum Teil unter erbärmlichen Zuständen in kleinen Hütten, vielleicht 16 Quadratmeter groß, die auf Stelzen stehen. In der Regenzeit ist das besonders wichtig, damit der Schlamm die Häuser nicht wegspült. Eine steile Treppe, die einer breiten Leiter gleicht, krabbeln zum Teil sehr alte Leute in ihr Zuhause. Darin gibt es nicht viel: Eine offene Feuerstelle, ein-zwei Matratzen, Plastiktüten mit Kleidung, einige Habseligkeiten. Die Luft in den Räumen ist stickig. Kein Wunder, dass sich viele außerhalb ihrer Behausung aufhalten. Nicht überall ist Strom, und irgendwo im Ort ist ein Wasserposten, wo man sich Wasser holen kann. Die Geschichten dieser Leute gingen mir zu Herzen. Einige waren krank, und das Einzige, was wir machen konnten, war, mit ihnen zu reden und für sie zu beten. Manchmal spielte ich „Amazing Grace“ auf der Melodica oder wir sangen „Kumbayah, my Lord“. Die Dankbarkeit für unseren Besuch war in ihren Gesichtern abzulesen. In Jesus sind wir Geschwister.
Die Geschichte einer 92 – jährigen hatte mich besonders beeindruckt. Sie besaß nicht viel und war auf Hilfe angewiesen. Dennoch hatte sie einen so friedvollen Blick und ein mildes Lächeln um den Mund. Auf meine Frage, ob zufrieden sei, oder ob sie irgendetwas vermissen würde, meinte sie: Sie habe Jesus im Herzen. Das reiche ihr. Sie war Tochter eines „Spiritual Doctors“. Der Animismus und der Ahnenkult waren in dieser Region sehr weit verbreitet. Als junge Frau hatte sie die Begabung der Geisterwahrnehmung und -beschwörung von ihrem Vater geerbt. Plötzlich wurde sie sehr krank. Ihr Vater tat alles, was in seiner Macht stand, um seiner Tochter zu helfen. Alles schien vergeblich. Der einzige Ausweg war, sich dazu durchringen, den örtlichen Pfarrer um Hilfe zu bitten. Er sollte zu dem Höchsten und Stärksten aller Mächte beten. Der Pfarrer war ehrlich und informierte den Hilfesuchenden, dass er da zu Jesus Christus beten müsste. In seiner Ausweglosigkeit gab der Vater sein Einverständnis. Zur gleichen Stunde wurde die Tochter gesund. Das setzte diesen Medizinmann in eine knifflige Lage. Die Dorfbewohner wollten ihn nicht mehr als einen der Ihren anerkennen und gedachten, sowohl ihn als auch die Tochter und den Pfarrer zu töten. Die einzige Hoffnung der Dreien bestand darin, in die Kirche zu fliehen. Anfangs hörten sie viel Geschrei von außen. Doch mit der Zeit wurde es ruhiger. Keinem war es gelungen in die Kirche zu dringen. Später erfuhren sie, dass Gestalten wie Engel die Kirche bewacht hätten. Heutzutage glauben die meisten der Dorfbewohner an Jesus Christus.
Der Süden
Nach so vielen Geschichten und Eindrücken konnten wir uns auf ein paar ruhige Tage im Süden Thailands freuen. Das taten wir dann auch. Wir waren mitten in Gottes Natur, keine Gedanken an Ungerechtigkeit, Krieg und Katastrophen. Ich würde schon sagen, wir waren glücklich in dem Land, in dem Lächeln groß geschrieben wird.
Die Reise hat seine Spuren bei uns hinterlassen. Das Erste, was ich kaufte, als wir wieder zuhause waren, war ein Reiskocher.
Bilddokumentation




































