Generalsuperintendentin in der Weihnachtskirche

Berlin. Am 3. Sonntag nach Epiphanias, am 23. Januar 2022, besuchte Berlins Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein die Spandauer Weihnachtskirche. Ihre Predigt war tagesaktuell und sehr persönlich. Die musikalische Umrahmung der Haselhorster Kantorei unter Leitung von Dr. Jürgen Trinkewitz begeisterte. Detlev Hesse vom Gemeindekirchenrat verübte den Lektorendienst.

Von Frank Bürger

Hier nun die Predigt. Wir sagen Danke dem Büro der Generalsuperintendentin.

Gottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias 2022
Ev. Weihnachtskirchengemeinde Berlin Haselhorst
Predigt zu Mt 8, 5-13
Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein


Gott schenke Euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung Ihr berufen seid!


Liebe Geschwister,
der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Matthäusevangelium gleich hinter der berühmten Bergpredigt Jesu und wir haben ihn eben schon einmal gehört, aber gute Geschichten, finde ich, kann man gar nicht oft genug hören!
Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm und sprach:
Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.
Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: geh hin! So geht er; und zu einem andern: Komm her! , so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich ich sage euch:
Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich am Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; es geschehe dir wie du geglaubt hast.
Und sein Knecht wurde gesund zur derselben Stunde.
Sprich nur ein Wort!


Der Satz dieser Geschichte vom Gesundwerden. Ja und es ist ja tatsächlich so, es gibt Worte, die machen gesund. Das weiß der Autor unserer biblischen Geschichte und das wissen wir auch. Wenn ich allein daran denke, wie viele Worte mir schon in meinem Leben geholfen haben – und welche Sehnsucht nach guten Worten mich immer wieder umtreibt. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, ohne Bücher, Zeitungen, ohne zu lesen zu leben, ohne unsere vielfältige Kultur, die so viele Worte nah an unsere Herzen bringt durch Musik, Theater, Film und eben durch Bücher. Geradezu anrührend erlebe ich zur Zeit meine alte Mutter, die plötzlich – früher ist mir das nie aufgefallen- Worte, Sinnsprüche um sich herumversammelt wie gute Freundinnen, die sie durch ihren Alltag begleiten, in dem sie, nicht zuletzt Pandemiebedingt, häufig alleine ist. Mit ihnen ist sie nicht einsam, in ihnen findet sie eine Resonanz, die die Erfahrungen ihres Lebens mitschwingen und lebendig werden lassen.
Sprich nur ein Wort – und mein Knecht wird gesund! Ein Mensch kommt zu Jesus mit einer konkreten Bitte, verbunden mit dieser schier unglaublichen Erwartung: Sprich nur ein Wort! So wird mein Knecht gesund.

Die Sehnsucht ist groß damals wie heute nach einem, der kommt und den Menschen, uns allen Hoffnung gibt und vor allem das Gefühl: Wir müssen nicht krank werden und zerbrechen an all den Schwierigkeiten, die sich gerade in dieser Zeit vor uns auftürmen, wir können es schaffen mit uns und unserer Welt. Sprich nur ein Wort. Du kannst es. Und dann verändert sich das Leben und wir mit ihm.
Dieser Hauptmann, der ursprünglich gar nicht in Israel zuhause ist, sondern als Soldat der Besatzungsmacht ins Land gekommen war, braucht auffällig wenige Worte, um Jesus sein Anliegen vorzubringen. Klar, er gehört ja zu denen, die die Sprache der Befehle beherrschen, er hat das Kommandieren gelernt: Kurz, knapp und präzise.

Überraschenderweise reagiert Jesus nicht ablehnend. Eigentlich hätte jeder damals erwartet, dass Jesus diesen Hauptmann abweist. Was soll er mit diesem Fremden, es wäre ja nicht das erste Mal, dass Jesus schroff reagiert. Uns wird an einer anderen Stelle zum Beispiel von einer syrophönizischen Frau erzählt, die Jesus für ihre kranke Tochter um Hilfe bittet. Bei ihr verhält sich Jesus im ersten Moment nicht nur abweisend, sondern sogar regelrecht beleidigend. Er braucht eine ganze Weile bis er sich von den vertrauten Mustern der Abwehr und Skepsis gegenüber Fremden löst und in ihr einfach ein verzweifeltes menschliches Wesen sehen kann, das ihm vertraut und ihn braucht. Hier ist er jetzt sofort auf den Hauptmann konzentriert, kündigt sogar an, zu ihm nachhause zu kommen, um den Kranken „gesund (zu) machen“. Und das ist erstaunlich für den damaligen Kontext, weil es für einen Juden nicht so einfach war, das Haus eines Heiden zu betreten. Das hatte mit den Reinheitsgeboten zu tun, diezum religiösen Leben in Israel dazugehörten. Dadurch bedeutete es einen gewissen
Aufwand, in das Haus eines Heiden zu gehen, danach musste man sich auf jeden Fall reinigen. Mag für unsere heutigen Ohren befremdlich klingen, aber ein realistischer Blick auf unsere Gesellschaft zeigt, die Hürden, die Wohnungen anderer Menschen zu betreten, gar die aus anderen Kulturen, sind nach wie vor oder vielleicht heute erst recht wieder hoch geworden. Wie auch immer, der Hauptmann weiß darum und will es Jesus nicht extra zumuten, es sei für ihn doch gar nicht nötig zu kommen – argumentiert er – er sei es überhaupt nicht wert, dass Jesus sein Haus betrete, er müsse doch nur ein Wort sprechen.
Der Hauptmann von Kapernaum, ein Soldat im Dienste der römischen Besatzungsmacht, einer, der das Kriegshandwerk gelernt hat und militärische Gewalt ausübt; eindeutig kein Jude, sondern einer, von dem wir nicht wissen, was er glaubt, wenn er denn glaubt: Ausgerechnet er vertraut sich Jesus so direkt, so unmittelbar an.

Darum geht es Matthäus. Um dieses direkte, unmittelbare Vertrauen in Jesus und die heilende Kraft, die von ihm ausgeht. Was hier so leicht rüber kommt: Dass sich Einer Jesus nähert und ihn mit einer konkreten Bitte anspricht, das ist alles andere als einfach und war in Wirklichkeit vermutlich viel komplizierter als uns die wenigen Sätze in dieser Geschichte vermuten lassen.

Vermutlich war das richtig anstrengend für diesen Hauptmann, eine Hürde nach der anderen zu überwinden. Hürden, die in ihm selbst lagen: in seiner ethnischen Herkunft, in seiner Nationalität, seiner Zugehörigkeit zum feindlichen Militär, zur fremden
Besatzungsmacht. Aber selbst wenn wir es in der biblischen Geschichte mit einem akuten Notfall zu tun haben, geht es hier wohl nur vordergründig um die Heilung an sich. Großartig, dass dem Hauptamt sein Diener so wichtig ist, dass er sich für ihn einsetzt, am Ende geht es aber nicht allein um den geheilten Diener, im Mittelpunkt steht dieser glaubende Hauptmann und der, an den er glaubt: Jesus.

Der Hauptmann musste Vertrauen fassen in die Kraft eines Gottes, den er nicht kannte. Musste vertrauen einem Gottes, der ihm fremd war.
Dass ihm das möglich war, das ist ein Wunder. Dass er Jesus um Hilfe bitten konnte, das ist das Wunder dieser Geschichte. Dass hier bis zu uns heute in der Weihnachtskirche Glaube aufleuchtet, das ist das Wunder. Und ein Geschenk von Gott.
Sprich nur ein Wort.
Ja, Worte haben die Kraft zur Veränderung.
Manchmal geschieht dann etwas, das ganz groß und unfassbar ist. Und wir dabei klein werden.

Der Hauptmann, Repräsentant von Macht und Gewalt, spricht Jesus als Herrn an, Kyrios. Der Evangelist Matthäus hat sich etwas dabei gedacht, dass er diesen ausländischen Besatzer Jesus als Herrn anreden lässt. Im Kern erzählt er hier schon davon, dass wir alle zu Gott gehören und zum Volk Israel dazu kommen als Gotteskinder. Darum kann Jesus auch von der himmlischen Tischgemeinschaft
sprechen, von der im Angesicht Gottes kein Volk der Welt ausgenommen wird.

Ja, Worte haben Macht,

Worte können entscheiden:
Über Leben und Tod. Über Freiheit und Gefangenschaft. Über Fluch und Segen. Über Krieg und Frieden. Und das erleben wir derzeit ja alle mit unruhigen Herzen im Auf und Ab der Verhandlungen über die befürchteten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine. Können Worte in den Verhandlungen friedlichen Lösungen auf den Weg helfen oder werden sie die Gewalt entzünden? Wir wissen, wie viel Unheil Worte anrichten können. Hatespeach, Hassrede ist zu einer Wirklichkeit in den sozialen
Medien und an viel zu vielen anderen Orten geworden, Menschen lassen ihre ungezügelte Wut heraus, verletzen und schaden uns allen, vergiften die gesellschaftliche Atmosphäre und versuchen uns voneinander zu isolieren. Und Worte führen zu Gewalt, wir haben gerade einen Brandanschlag auf eine Berliner Kirche erlebt, der große Zerstörung angerichtet hat, einfach nur planloser Vandalismus oder bereits Ergebnis von all dem Hass, der derzeit zirkuliert? Wir wissen es nicht. Worte führen zu Gewalt, diese bittere Erfahrung haben wir auch mit den Worten aus unserer Geschichte machen müssen, denn leider fügt Matthäus in seine wunderbare Erzählung noch diesen Vers ein:
…aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.


Diese Worte sind eine Drohgebärde gegenüber den jüdischen Geschwistern, die in Jesus nicht den Messias sehen. Unter damaligen Umständen zu der Zeit als Matthäus das Evangelium aufschrieb und sich die junge christliche Gemeinde aus der jüdischen Gemeinde herauslöste, eventuell nachvollziehbar – für uns heute aber schrecklich, weil wir wissen, dass sie dazu beigetragen haben, dass jüdische Menschen fortan verfolgt und getötet wurden und blinder antisemitischer Hass bis heute umgeht. Wir gedenken in diesen Tagen an die Wannseekonferenz, die vor 80 Jahren stattgefunden hat. Auf dieser Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden in zynischer Kälte beschlossen und die Umsetzung in bürokratischem Eifer geplant.

Ich habe als junge Frau, Ende der 1970er Jahre in Tel Aviv in einem Kinderheim gearbeitet, die Hausmutter dort, Hansi Brand, eine ungarische Jüdin, gehörte im Holocaust zu den Köpfen des ungarischen Widerstandes gegen die Nazis, sie wurde gefasst und wurde mit ihren beiden kleinen Söhnen persönliche Geisel von Eichmann, dem Protokollführer der Wannseekonferenz und später damit beauftragt, die ungarischen Juden zu vernichten. Hansi hat wie durch ein Wunder überlebt. Und ihre menschliche Größe hat einen nachhaltigen Eindruck und Einfluss auf mein Leben gehabt.

Wenn ich mich damals manchmal in irgendwelchen Situationen aufgeregt und empört habe, dann hat sie gesagt: Ulrika „so sind halt die Menschen“, das einzige was wichtig
ist, ist die Liebe “…

Und das hat sie ausgestrahlt.

Diese Öffnung zu allen Menschen hin, die diese biblische Geschichte so wunderbar beschreibt wird mit den Worten von der Finsternis konterkariert. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich im Namen unseres christlichen Glaubens sagen kann: In dieser Geschichte geht es um die Gotteskindschaft aller Menschen und um die Vision, dass wir eines Tages alle gemeinsam an einem Tisch sitzen werden mit Abraham, Isaak und Jakob – und sicher auch mit Sara, Rebecca und Lea und Rahel.


Zurück zu unserem Hauptmann

Seine Haltung, mit der er Jesus begegnet ist kein gezwungenes sich Kleinmachen vor Jesus. Wenn er sagt: Ich bin nicht wert, dass du zu mir kommst, mag er gefühlt haben: Hier stehe ich vor einem, der größer ist als alles andere.

So verstehe ich christliche Demut.

Sprich nur ein Wort. Wenn der Glaube spricht, werden wir klein und Gott wird groß. Wenn der Glaube spricht, fallen Grenzen: zwischen Oben und Unten, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Freund und Feind. Und Stricke des Todes, die reißen entzwei. Wenn der Glaube spricht, dann lässt Gott die Grenzen fallen zwischen ihm und den Menschen. Dann will Gott zu mir kommen, unter mein Dach, in mein Haus.

Glauben heißt, darauf zu vertrauen: Gott will in mir wohnen und mein Leben verändern.

An ihrem 80. Geburtstag habe ich Hansi gefragt: „Was machst Du denn da immer noch
als Hausmutter?“

„Ich bin für den Frieden des Hauses zuständig!“ hat sie geantwortet.

Solche Menschen sind etwas Wunderbares, Zuständige für den Frieden, weil sie wissen, dass es nichts Wichtigeres gibt als die Liebe und den Frieden.

Solche Menschen, solche Worte, solchen Glauben brauchen wir, der in allen Menschen Gottes Kinder sieht und damit andere Menschen ansteckt.


Sprich nur ein Wort. Wenn der Glaube spricht, werden wir klein, im guten Sinn demütig und Gott wird groß. Umso wichtiger, dass wir unsere Seelen mit guten Worten füttern, die unsere Hoffnung nähren und uns die Kraft füreinander und unsere Aufgaben geben. Hoffen wir also auf das, was unmöglich ist, und bitten wir um das, was möglich ist:
Dass Gott uns Glauben schenkt durch sein Wort.

Denn das kann Gott. Und der Friede Gottes der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und
Sinne in Christus Jesus

Amen

Hintergrundinfo

Brand in der Paul-Gerhardt-Kirche

Artikel im Berliner Kurier: Pfarrerin tief schockiert

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