Ein Riss in der Welt

Berlin. Zum zweiten Advent predigte der Spandauer Superintendent Florian Kunz in der evangelischen Weihnachtskirchengemeinde. Sein Blick geht auch auf das Attentat am Breitscheidplatz vor fast 5 Jahren. Er beobachtet einen Riss in der Welt.

Von Frank Bürger

Die Gedächtniskirche ist ein besonderer Ort. Noch mehr nach dem grauenvollen Attentat vor der Kirche auf dem Weihnachtsmarkt vor nahezu fünf Jahren.

Es gab ein stilles Gedenken an die Opfer, stille Gedenken an das Grauen, was in und vor dieser bedeutenden Kirche fassbar, greifbar wird. Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Berlins Bürgermeister machten jeder auf seine Weise deutlich: Wir lassen die Opfer nicht allein, so etwas darf nie wieder geschehen.

Am 19.12.2016 ereignet sich in Berlin der schwerste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Gegen 19:30 Uhr überfällt der Tunesier Anis Amri am Friedrich Krause-Ufer in Berlin einen polnischen LKW Fahrer und tötet ihn mit einer Schusswaffe, um sich des LKWs des Mannes zu bemächtigen und diesen als Tatwaffe einzusetzen. Den mit Stahlträgern beladenen LKW steuert Anis Amri dann um 20 Uhr in die Besuchermenge des Weihnachtsmarkts am Berliner Breitscheidplatz. Dabei sterben 11 Besucher/innen. Fünf Jahre später stirbt darüber hinaus auch noch ein ein Ersthelfer an den Folgen der Verletzungen, die er sich bei seinem Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt zuzog. Insgesamt finden also 13 Menschen in Folge des Attentats den Tod. Fast 100 weitere Menschen werden zum Teil so schwer verletzt, dass sie bis heute körperlich und psychisch an den Folgen des furchtbaren Anschlags leiden.

„Auf dem Weihnachtsmarkt verläuft ein Riss“, beschrieb der Spandauer Superintendent Florian Kunz das damalige Geschehen mit den Nachwirkungen. Aber durch die Epidemie ist ein Riss auch überall in der Welt zu spüren. „Durch die Adventszeit geht ein Riss“, stellte Kunz fest. Musikalisch zitiert er hier Leonard Cohen mehrmals, der es auf den Punkt bringt.

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.

Das ist auch eine Botschaft für den Advent und für Weihnachten: Der menschgewordene Gott kommt in eine zerrissene Welt, er kommt dahin, wo Risse sind. Und diese Risse, sie sind im Himmel und im Leben.

Es erklang das Lied „O Heiland, reiß den Himmel auf“. Das Lied thematisiert in barocktypischer Weise das Leitmotiv des Advent, die Sehnsucht nach dem Erlöser. Es fand rasch Eingang in katholische Liedersammlungen. Von Protestanten wurde es lange als katholisches Adventslied gesehen und erst (1950/1969) in das Evangelische Kirchengesangbuch aufgenommen.

Der Beginn des Lieds schließt zudem an einen anderen Ruf Jesajas an: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen“

Eine Dokumentation, die das RTL am 16. Dezember um 0.30 Uhr mit dem Titel „Breitscheidplatz – Die Geschichte hinter dem Attentat“ausstrahlt, stellt neben der Chronologie des Tattages dar, was Menschen, deren Geschichten noch nie erzählt worden sind, am Abend des 19.12.2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz tatsächlich erlebt haben: zivile Ersthelfer, Rechtsmediziner, Tatortfotografen, Kriminaltechniker, Polizisten, die Pressesprecher der Polizei und der Feuerwehr, Ärzte, Unfallgutachter, Notfallseelsorger, Pfarrer, usw. Eine Zusammenführung von Einzelgeschichten, die ein so noch nie erzähltes Bild des Attentats zeichnet: Ein Bild der Menschlichkeit, der Humanität und der Selbstlosigkeit in einer unfassbar tragischen Situation.

Was ist an dem Tag, an dem die Welt für einen Augenblick den Atem anhielt wirklich passiert? Wie hat dieser Tag die Menschen, die am Breitscheidplatz im Einsatz waren, verändert? Und wie geht es ihnen heute, fünf Jahre später?

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