»Flower Power« : Finale im Garten

Der Winzerberg. Foto: Johannes Kleemeier

Festspiele brauchten Kreativität

Am heutigen Sonntag gehen die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2021 mit einem Konzert in der Friedenskirche Sanssouci zu Ende. Die Akademie für Alte Musik Berlin und Tenor Martin Mitterutzner präsentieren Kantaten und Concerti der Musiker um Friedrich II. für Publikum sowie als Übertragung auch für die Besucher am Winzerberg und im Live-Stream Zuhause. Bisher haben bereits mehr als 7000 Zuschauer auf diesen drei Wegen und in den vergangenen zwei Wochen die „Flower Power“-Saison der Musikfestspiele genießen können. Und auch weiterhin sind die Aufzeichnungen der Musikveranstaltungen noch bis zum 30.09. online verfügbar. Für 2022 lädt das Musikfestival unter dem Thema „Inseln“ zu paradiesischen Eilanden, einsamen Höhepunkten und verwunschenen Abgelegenheiten in der Musik.

Von Frank Bürger

Es war eine riesen Herausforderung für die Festspielleitung: die traditionsreichen Musikfestspiele Sanssouci zu Corona-Zeiten. Neue Formen mussten gefunden werden. Für mich unvergesslich so viele bewährte Konzerte an der Mühle, im Schlosstheater und an anderen Orten. Es war auch für die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci ein herausforderndes Jahr, dem sich die Verantwortlichen mit Flexibilität, Einfallsreichtum und Humor gestellt haben. Aus den in spontaner Aktion übersprayten Plakaten entwickelten sie eine weithin sichtbare Plakatlinie für das digitale Programm – bei dem sich schlussendlich die Künstler und ein spürbar erwartungsfrohes Publikum doch noch direkt begegnen konnten. Fast 300 Musikfestspielbesucher hatten zuvor die bereits erworbenen Tickets ganz oder teilweise gespendet. „Unsere Kunden und Partner haben uns sehr die Treue gehalten und uns mit ihren positiven Worten, Nachrichten und Spenden motiviert, für jede Entwicklung eine Lösung zu finden. Hier möchte ich ein großes DANKE aussprechen“, so Heike Bohmann, Geschäftsführerin der Musikfestspiele Sanssouci und Nikolaisaal Potsdam gGmbH. Der Vorverkauf der ursprünglichen Saison war der erfolgreichste der vergangenen Jahre gewesen. Kurz vor den digitalen Festspielen konnte ein Teil der Konzertorte für ein kleines Publikum geöffnet werden, die Schlosstheaterproduktionen waren dabei besonders nachgefragt. Insgesamt erreichten die Musikfestspiele mit 80,73 % Auslastung ein in der Kürze der Zeit beachtliches Ergebnis. 768 Tickets konnten gemäß Hygiene-Verordnung aufgelegt werden, 620 Besucher nahmen das Angebot wahr. Das kurzfristig ins Leben gerufene Public Viewing am Winzerberg bot in teils sommerlicher Atmosphäre Festspielkonzerte unter freiem Himmel, die Opernproduktion erreichte mit über 300 Zuschauern dabei die größte Nachfrage, die übrigen Konzerte wurden durchschnittlich von 120-140 Musikfestspiel-Fans besucht. Das Fahrradkonzert per App als laufendes Angebot für alle Radler ist noch bis Ende September verfügbar, bisher haben ca. 320 Personen die Touren ausprobiert. Die Reichweite des digitalen Programms auf den Facebook- und Instagram-Kanälen liegt bisher bei gut 54.697 erreichten Personen. Die Streams auf Zoom, YouTube oder Facebook sahen bisher ingesamt 6451 Personen, das Programm ist noch bis 30.09. online abrufbar. Von den Quoten der Übertragungen auf arte Concert und rbbKultur lagen zum Abschluss des Festivals noch keine aktuellen Nutzerzahlen vor.

Insgesamt sechzehn Veranstaltungen, stets live und teilweise vor Publikum unter Hygieneauflagen aufgezeichnet und aus den vertrauten Sälen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gestreamt, machten das digitale Programm aus. Mehr als 220 Musikerinnen und Musiker waren in und nach Potsdam zusammengekommen, um die Musikfestspiele in ihrem 30. Jubiläumsjahr zu feiern. Weitere Musiker, Förderer und langjährige Partner schickten Grüße über die Social Media-Kanäle des Festivals. „Es war für mich und alle an den hybriden Festspielen beteiligten Künstlerinnen und Musiker sehr berührend, Teile der geplanten Saison zum Schluss doch noch live vor Publikum spielen zu können“, so Intendantin Dorothee Oberlinger. „Ohne das atmosphärische Miteinander von Publikum und Künstlern kann sich Musik nicht vollständig entfalten.“

Dorothee Oberlinger, mit dem Namen sind die Musikfestspiele nach der Ära Andrea Palent, die aber immer noch mit im Boot ist, im Jubiläumsjahr verbunden.

Seit 2018 ist die Blockflötistin und Dirigentin Prof. Dorothee Oberlinger Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, die Geschäftsführung der gGmbH übernahm im selben Jahr Heike Bohmann.

Unter Dorothee Oberlingers künstlerischer Leitung wird sich das Gesamtensemble der preußischen Künste weiterhin jährlich mit Musik und Oper und wechselnden Themen, die die kulturhistorischen Verbindungen zur Stadt Potsdam und zum Land Brandenburg programmatisch fantasievoll fassen, als sommerlicher Treffpunkt internationaler Künstler präsentieren.

Dabei wird das kreative Zusammenspiel der Künste mit interdisziplinären Konzepten, die die Verbindung der Künste untereinander suchen, verstärkt ausgelotet. Der Austausch findet – ganz im universalen Geiste Sanssoucis – zwischen den verschiedenen Kunstformen statt: Malerei, Architektur, Literatur, Tanz und Theater, aber auch Mode, Gartenkunst und sogar Sport oder Zirkuswelt werden auf ihr Verhältnis zur Musik befragt und ermöglichen neue, kreative Allianzen.


Dabei bleibt die zentrale Ausrichtung auf die sogenannte Alte Musik und historisch informierte Aufführungspraxis auf höchstem künstlerischen Niveau bestehen und bietet einen fruchtbaren Nährboden für die Künste, die den Gedanken und lebendigen Geist der Aufführungspraxis in sich tragen und Impulse setzen, um die Musik aller Zeiten zu erschließen und neu zu beleuchten.
Die verborgenen Preziosen des Potsdamer Repertoires, das mehr als 450 Jahre Musikgeschichte umfasst, wiederaufzuführen, ist dabei ein wichtiges Ziel.
Dennoch werden Ausflüge und Brücken zu anderen Genres wie Jazz, Pop, Elektronik, Volksmusik, ethnischer Musik, aktueller Musik etc. nicht fehlen.

In den nächsten Jahren bereichert ein Flötentag die Festspiele, naheliegend bei der großen internationalen Prominenz des Flöte spielenden Friedrich II. und seines Flötenlehrers Johann Joachim Quantz, dem Hof-Compositeur und Cammer-Musicus mit dessen „Versuch einer Anleitung die Flöte traversière zu spielen“. 

Höhepunkt war in der Saison die  Opernproduktion „Pastorelle en musique“ von Georg Philipp Telemann, die aus dem Schlosstheater im Neuen Palais von rbbKultur parallel sowohl im Stream als auch im Rundfunk übertragen und außerdem als Opernfilm für eine spätere Veröffentlichung in modernster Kameratechnik vom Kölner Regisseur Fosco Dubini aufgezeichnet wurde. Das „hauchzarte Frühlingswerk“ (rbbKultur Frühkritik) bot mit einer an historischer Schauspielkunst und Ausstattung ausgerichteten Inszenierung „ästhetische Streicheleinheiten für den Betrachter“ (FAZ). Presse und Publikum feierten die international renommierte Riege an Barocksängern, verstärkt durch Mitglieder des Vocalconsort Berlin. Das Ensemble 1700 unter Intendantin Dorothee Oberlinger agierte „beweglich und reaktionsschnell, [und] vermag […] feine Farbwechsel in Szene zu setzen“ (FAZ), „alles bleibt stets durchpulst von heißblütigen musikalischen Empfindungen“ (Tagesspiegel).

Große Aufmerksamkeit bekam auch das Eröffnungskonzert „Händel & Hendrix“, das von arte Concert und rbbKultur live aus der Friedenskirche Sanssouci übertragen wurde und das Motto „Flower Power“ gleich zu Beginn anschaulich und sinnlich in Musik übertrug. Lautenist, Komponist und E-Gitarrist Lee Santana ließ die Klangwelten von Barock und Woodstock-Ära ineinander übergehen, unterstützt von Violinist und Countertenor Dmitry Sinkovsky und dem B’Rock Barockorchester unter Leitung von Dorothee Oberlinger.

Auch die Orchesterakademie der Jungen Philharmonie Brandenburg, die mit Violinist und Dirigent Rüdiger Lotter zum Jubiläum der Musikfestspiele Johann Sebastian Bachs gerade 300 Jahre alt gewordenen Brandenburgischen Konzerte einstudiert und sich dabei in den Spielweisen und der Klangästhetik des Barock erprobt hatte, fand großen Applaus im Nikolaisaal Potsdam und im Zoom-Stream.

Die zweite Woche brachte ein abwechslungsreiches und dichtes Musikprogramm aus vier Jahrhunderten: Frühromantische Blumenstücke am Hammerklavier im Palmensaal Neuer Garten, virtuose Violinsonaten des 17. Jahrhunderts und die Freiheiten improvisatorischer Verzierungen in Streichersonaten des 18. Jahrhunderts aus dem Raffaelsaal des Orangerieschlosses. Am Abschlusswochenende stand mit den „RosenTanzSonaten“ zu Musik Heinrich Bibers und einer Uraufführung des Kanadiers Thierry Tidrow nochmal eine veritable Tanztheater-Premiere auf dem Programm. Im Schlosstheater des Neuen Palais überzeugte das Ensemble Europa Danzante um Choreograf, Violinist und Tänzer Yves Ytier das Publikum in diesem choreografierten Konzert. Dabei überführten die Tänzerinnen und Musikerinnen mit gleichermaßen vollem Einsatz bei immer wieder überraschenden Szeneneinfällen die Bildwelt der barocken Marienmeditationen ins Heute.

Für das Abschlusskonzert kehren die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in doppelter Hinsicht zu ihrem Ursprung zurück. In der Friedenskirche, im Areal der Schlösser von Sanssouci, wartet die Akademie für Alte Musik Berlin mit einer Entdeckung aus dem preußischen Rokoko auf. Martin Mitterrutzner, der 2014 mit seinem Frankfurter Debüt als Don Ottavio, gesungen „mit meditativer Entrückung“ (FAZ), eine „outstanding performance“ (New York Times) bot, singt die moderne Erstaufführung der Garten-Kantate „Heute bin ich selber mein“ der Gebrüder Graun, gerahmt von weiteren sommerlichen Werken von C.P.E. Bach, Christoph Nichelmann und vom Nelkensammler Johann Wilhelm Hertel. Das Konzert ist ab 20 Uhr zeitgleich auch am Winzerberg in Übertragung sowie im Stream zu verfolgen.

Im kommenden Jahr begeben sich die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci mit ihrem Publikum auf eine wahrhaft weltumspannende Reise. „Inseln“ lautet das Thema für 2022 und entführt zu paradiesischen Eilanden, einsamen Höhepunkten und verwunschenen Abgelegenheiten in der Musik.

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