Gemeinsam ist es besser

Bedeutend: Der Tag von Potsdam

Berlin. Noch wenige Tage ist in der Christophoruskirche in Spandau die Ausstellung von Martin Luthers Position zu den Juden zu sehen. Gemeinsam mit dem Katalog wird weit über die historischen und themenbezogenen Grenzen hinausgeschaut.

Von Frank Bürger

Das Motorgüterschiff „MS Goldberg“ (Baujahr: 1964 in Boizenburg, Länge: 67m, Breite: 8,20m) ist derzeit noch unterwegs, zwischen Magdeburg und Berlin zum Beispiel. Doch bald soll es in Spandauer Gewässern zum Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eingesetzt werden. Aus der MS soll „Die Bühne“ werden, ein jüdisches Theaterschiff. Das schreibt dem Tagesspiegel Peter Sauerbaum, Vorsitzender von „Discover Jewish Europe e.V.“ Das Schiff hat bereits im Spandauer Hafen angelegt.

Gezeigt werden sollen klassische Werke der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte, Werke, die an den Zivilisationsbruch der Shoah erinnern, aber auch neue Interpretationen des Zusammenlebens, wie sie sich besonders im vielfältigen kulturellen Leben Berlins seit geraumer Zeit entwickeln. Sauerbaum sagte bereits Ende Januar im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen Zeitung, das mit dem Heimathafen sei nicht so einfach. Neben Spandau könne der Anker auch in Oberschöneweide fallen. Sauerbaum, selbst Spandauer, bevorzugt seinen Bezirk.

Sauerbaum ist ein Kulturkenner schlechthin, der in Berlin, Brandenburg, aber auch in der Festspielstadt Bayreuth Akzente gesetzt hat.

Jüdische Geschichte, jüdisches Denken, Erinnerung an die Shoa, sie stehen mitten in unserer Gesellschaft.

Zum 75. Jahrestag des Stuttgarter Schuldbekenntnisses haben der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Landesbischof Frank Otfried July in einem zentralen Gedenkgottesdienst auf eine wegweisende Selbstanklage zurückgeblickt, die nach Ende der Nazi-Gräuel und kirchlicher Versäumnisse erste Türen wieder öffnete:

„Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

In seiner Predigt in der Stuttgarter Markus-Kirche machte Heinrich Bedford-Strohm deutlich: „Es ist mehr als ein liturgisches ‚mea culpa‘, es ist Ausdruck der existenziellen Dunkelheit, die die Verfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses angesichts der Abgründe der Jahre des Dritten Reiches stellvertretend für viele vor nun 75 Jahren zum Ausdruck gebracht haben.

Auch in der badischen Landeskirche gibt es eine entsprechende Erinnerung.

Hier schreibt heute Bischof Jochen Cornelius-Bundschuh:

„Die Freiheit und Sicherheit unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist Maßstab für die Freiheit und Solidarität unserer Gesellschaft!

Wir gedenken heute der jüdischen Mitmenschen, die im Oktober 1940 aus badischen Dörfern und Städten nach Gurs deportiert wurden. Inzwischen stehen 125 Mahnmale für jeden Ort, in dem sie gelebt haben, im Ökumenischen Jugendprojekt “Mahnmal“ in Neckarzimmern – und in jedem Herkunftsort ein Zwilling, um das Gedenken vor Ort gegenwärtig zu halten. Danke den Jugendlichen aus Muggensturm und Nussloch und der Gemeinde aus Merchingen, die dieses Jahr ihre Steine mitgebracht haben. Jetzt fehlen noch zwölf badische Orte! Leider konnte der Landesrabbiner Flomenmann nicht kommen, ermutigte uns aber in einem Grußwort, uns dem wachsenden Antisemitismus zu widersetzen. Auch Frau Landtagspräsidentin Aras, Herr Weihbischof Birkhofer und Frau Hammerstein von der Landeszentrale betonten, wie wichtig dieses Gedenken für unsere Gegenwart und Zukunft ist, um die Würde des Menschen gegen jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu verteidigen.“

In der Spandauer Christophoruskirche ist noch wenige Tage eine Ausstellung zu sehen, die das Thema Antisemitismus von vielen Seiten fokussiert. Ausgangspunkt ist Martin Luther und sein Verhältnis zu Judentum, aber auch das Dritte Reich kommt in Bild und Wort ausführlich zur Sprache.

„Hitlers Kanzlerschaft wird von der überwältigenden Mehrheit deutscher Protestanten begrüßt“, stellt es der Katalog zur Ausstellung fest. Die „Nationalkirche“, das Monatsblatt der „Deutschen Christen“ ist deutlich. Nach dem Novemberpogrom fordert sie offensiv die „Entjudung des deutschen Lebens“ und wirbt mit dem Slogan: „Luther fordert Synagogen-Brand!“,

Der deutsche Kulturprotestantismus feiert Hitlers Kanzlerschaft im Januar 1933 als euphorisches Erlebnis. Der 450. Geburtstag Luthers bietet willkommenen Anlass, den Reformator als „deutschen Revolutionär“ zu präsentieren. Der Professor für Kirchengeschichte Hans Preuß vergleicht beide Lebenswege und will eine Fülle von Parallelen entdecken. „Beide seien zunächst unbekannte, einsame Streiter für Deutschland im Angesicht eines übermächtig scheinenden Gegners gewesen, beide hätten in erzwungener Abgeschiedenheit maßgebliche Werke geschrieben, beide die Juden als Feinde erkannt.“

In das Jahr 1933 fällt auch der Tag von Potsdam, als Versöhnung von protestantischen Staatsverständnis und Nationalsozialismus. Die Garnisonkirche, die wiederaufgebaut wird und Symbol der Versöhnung ist, bleibt bis zum Ende der Diktatur Zeichen für den Sieg des Nationalsozialismus. In einem der letzten Propagandafilme „Kolberg“ ist der Glockenklang in Potsdam nicht zu überhören.

Schon nach seinem Prozess in München und der Haft in Landsberg begann Hitler sich selbst als den Auserwählten zu sehen, der die Linie Luther – Friedrich der Große – Bismarck und Richard Wagner fortzuführen in der Lage sei.

Eine dazugehörige Ausstellung in der Festspielstadt Bayreuth unterstreicht die Bedeutung dieser Aussage.

Auch der Kirchenkreis Reinickendorf hat sich intensiv mit der Ausstellung beschäftigt.

Wörtlich genau das, was Luther 1543 fordert, wird am 9. November 1938 durchgeführt: Synagogen gehen in Flammen auf, Juden werden gelyncht, die heiligen Schriften werden verbrannt, Geschäfte geplündert, Existenzen zerstört. Und das war nur der Anfang des unglaublichsten Verbrechens der Geschichte, der Vernichtung von sechs Millionen Juden durch Deutsche, die mehrheitlich der Meinung waren, sie wären gute Christen.

Die evangelische Kirche hat dazu geschwiegen. Selbst innerhalb der Bekennenden Kirche, die sich gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung stellte, war der Antisemitismus selbstverständlich. Otto Dibelius, Mitglied der Bekennenden Kirche und nach dem Krieg Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der EKD, bekannte sich klar zum Antisemitismus: Man kann nicht verkennen, dass bei allen zersetzenden Erscheinungen der modernen Zivilisation das Judentum eine führende Rolle spielt. (Dibelius 1928) Noch 1964 verlautbarte er, er habe Juden stets gemieden, nämlich: nicht in feindlicher Gesinnung, aber doch so, dass man das Fremdartige in ihrem Wesen spürte.

Nach dem Krieg begann man unter der Last der drückenden Schuld, in der evangelischen Kirche neu über das Verhältnis zum Judentum nachzudenken. Heute ist dieses Verhältnis von zunehmender Offenheit und Toleranz und gegenseitigem Interesse geprägt. Doch auch 70 Jahre nach der Shoa stehen Christen noch am Anfang dieses Prozesses.

Martin Luther hat uns ein insgesamt ambivalentes Erbe hinterlassen. Das 500jährige Reformationsjubiläum ist deshalb auch Anlass zur kritischen Rückschau. Den großartigen Leistungen Luthers beim Übersetzen und bei der Kommentierung der Bibel (die meisten seiner Schriften sind Bibelauslegungen des Alten und des Neuen Testaments), bei seinem Engagement für das Priestertum aller Glaubenden, für die Predigt und den Gottesdienst in deutscher Sprache, für einen Glauben ohne Angst vor Gott, stehen Schriften und Aussagen gegenüber, die uns heute schwer zu schaffen machen. Dazu gehören seine politischen Aussagen, mit denen er die Gewalt der Fürsten gegen die aufständischen Bauern legitimiert. Vor allem gehören dazu seine judenfeindlichen Schriften, in denen Luther zur Vertreibung der Juden, zum Verbrennen der Synagogen, zur Zwangsarbeit für Juden, zur Vernichtung jüdischer Schriften u.v.m. aufruft.

Luther schätzte die hebräische Sprache der Bibel und war in jungen Jahren dialogbereit gegenüber dem Judentum und der jüdischen Auslegung der Bibel. In seiner Schrift von 1523, „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“, kritisiert er scharf das bisherige Verhalten der Christen. Luther fordert, die Juden wie Menschen und nicht wie Hunde zu behandeln und keine Lügen über sie zu verbreiten. Wenige Jahre später kehrt sich diese Haltung Luthers ins Gegenteil. Das hängt offensichtlich mit seiner Enttäuschung zusammen, dass die Kirchenreform und der evangelische Glaube keine Anziehung auf die Juden ausübten. Luther hatte gehofft, dass sich die Juden in der von Rom befreiten Kirche nun dem Christentum zuwenden und sich taufen lassen würden. Entweder sollen sich die Juden der reformatorischen Bewegung anschließen und zum Christentum mit der Taufe übertreten.

Seine judenhassenden Schriften hatten allerdings keine praktischen Auswirkungen, denn im Kurfürstentum Sachsen gab es zu Luthers Zeiten keine jüdischen Gemeinden. Nur einzelne jüdische Familien lebten auf dem Land. Insofern könnte man diese Lutherschriften als einmalige Entgleisung beiseiteschieben, schaut man auf die damalige Lage der jüdischen Kommunen, wenn nicht die Geschichte 400 Jahre nach Luther und nach der Aufklärung und nach der Blütezeit des liberalen Judentums in Deutschland eine schreckliche Wendung genommen hätte

Gerade in einer Zeit des wieder aufflammenden Antisemitismus in Deutschland war diese Ausstellung eine wichtige Quelle der Aufklärung und der Erkenntnis. Die Frage, ob es ohne Luthers antijüdische Schriften dennoch zum Holocaust gekommen wäre, konnte die Ausstellung nicht beantworten, sie zeigte aber erschütternde Zusammenhänge.

Seweryna Szmaglewskas Buch über die Frauen in Auschwitz kam so 75 Jahre nach Erscheinen in Polen endlich in Deutschland heraus.

„Eines kalten, aber sonnigen Apriltages 1998 fuhr ich, der Stipendiat der Villa Decius in Krakau, einer renommierten Kulturinstitution in Polen, deren Entstehung auf die Initiative der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska und ihres berühmten Übersetzers Karl Dedecius zurückgeht, nach Oswiecim, um dort das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu besichtigen. Ich verbrachte in diesem sogenannten Museum den ganzen Tag und traf auch Gymnasiasten oder Studenten aus Israel, die in der Stille einer kahlen Landschaft, in der einst Baracken gestanden hatten, ihre Nationalflagge mit dem Davidstern trugen: stolz und voller Andacht. Und ich musste mich an diesen Augenblick wieder erinnern, als ich Seweryna Szmaglewskas „Die Frauen von Birkenau“ zu lesen begann, den Bericht der polnischen Schriftstellerin, die im KL Auschwitz-Birkenau von 1942 bis 1945 Häftling mit der Nummer 22090 gewesen.“

Die Ausstellung stellt auf 17 Großtafeln das schwierige Verhältnis der evangelischen Kirche lutherischer Prägung zum Judentum dar, von den Anfängen im Mittelalter und bei Luther selbst bis zum Holocaust und den Wandel dieses Verhältnisses in der Nachkriegszeit bis heute

Fachkundig bieten so unter anderem die Mitautoren Lorenz Wilkens und Helmut Ruppel Führungen an.  Zum Autorenteam gehören Prof. Sara Nachama, Rektorin des Touro College Berlin und Prof. Peter von der Osten-Sacken, ehem. Leiter des Instituts Kirche und Judentum.

Dank eines namhaften Zuschusses der Evangelischen Kirche in Deutschland konnte die von Oktober bis Dezember 2015 in Berlin in der Sophienkirche gezeigte Ausstellung auch an anderen Orten präsentiert werden, auch in Spandau.

Am 22. Und 29. Oktober kann die Ausstellung zwischen 16 und 18 Uhr in der Christophoruskirche Spandau, Schuckertdamm 338, besucht werden.

Fotos: Frank Bürger

Erfurt. Fotos: Christoph Schneider

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