Mauerfall: Die Menschen feiern

IMG_4384
Ministerpräsident Dietmar Woidke (links), Bundesministerin Franziska Giffey (2. v. l.) und Thomas de Maizière (rechts) feierten mit. Foto: Frank Bürger

 

Die Solidarnosc-Bewegung und der polnische Papst Johannes II haben die Weichen gestellt: Der Fall der Berliner Mauer. Brandenburg und Berlin feierten.

Von Frank Bürger

Landtag und Landesregierung Brandenburg haben  den Mauerfall vor 30 Jahren als wunderbare Erfahrung des Mutes und der Freiheitsliebe der Ostdeutschen gewürdigt.

Den Anfang der Feierstunde in der Potsdamer Nikolaikirche machte eine ökumenische Andacht mit den Bischöfen Markus Droege und Heiner Koch. In der Ansprache fokussierte Droege die Suche nach Frieden.

„Keine Gewalt“ ist die Botschaft der Friedlichen Revolution! Wer die Friedliche Revolution vollenden will, sollte sich vor allem an diese Botschaft halten! Reden, die Hass erzeugen, Menschenverachtung legitimieren und damit Gewalttaten vorbereiten, dürfen in unserer Gesellschaft nicht ohne klaren Widerspruch bleiben. Wer sich mit Unschuldsmine beklagt, man dürfe in unserer Gesellschaft seine Meinung nicht offen äußern, muss wissen: Es gibt kein Recht, seine Meinung ohne Widerspruch zu äußern, und erstrecht kein Recht, menschenfeindliche Thesen zu verbreiten, ohne klaren, deutlichen und in der Sache harten Widerspruch zu bekommen. In einer Demokratie muss man zu seinen Äußerungen stehen, eine kritische Diskussion aushalten und Verantwortung für seine Worte übernehmen.“

Hier nun die Predigt von Markus Droege

Landtagspräsidentin Liedtke: „Die Friedliche Revolution gelang mit Dialog, Verständigung und auch unendlicher Geduld. Wir haben erlebt, wie Mut wächst, wenn man zusammenhält und füreinander einsteht. Wir haben die Kraft gespürt, die daraus entstehen kann. Die Menschen im Osten haben seit der Wiedervereinigung beispiellose Veränderungsprozesse gemeistert, neue Berufe erlernt, Unternehmen gegründet, ein demokratisches Gemeinwesen aufgebaut. Mehr als zwei Drittel der Menschen im Osten sagen, dass sich ihre persönliche Lage seit 1990 verbessert hat. Aber gleiche Lebensverhältnisse zwischen Ost und West gibt es noch nicht. Macht und Reichtum sind immer noch ungleich verteilt. 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution ist fast die Hälfte der Ostdeutschen unzufrieden mit der Demokratie.

Wenn wir wollen, dass nicht nur zusammenwächst, was zusammengehört, sondern dass Ost und West gemeinsam eine enkelfreundliche Zukunft gestalten, dann müssen wir in Ost und West die Debatte zur Deutung der Friedlichen Revolution und ihrer Aneignung führen. Aus dieser Debatte – differenziert, wahrhaftig, respektvoll und mit möglichst vielen Beteiligten geführt – gewinnen wir ein klares Bild von gemeinsamen Zielen heute.“

Ministerpräsident Woidke erinnerte an die Nacht des 9. November 1989: „Es war ein Moment unfassbaren Glücks. Nach 28 Jahren gewaltsamer Teilung sind Ost und West nicht mehr getrennt. Menschen liegen sich in den Armen. Familien sehen sich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder. Ich weiß, nicht jeder ist in dieser Nacht frei von Sorge. Doch ich werde die grenzenlose Freude und den Jubel nie vergessen. Und auch nicht die große Erleichterung. Wie sehr hatten wir gezittert und befürchtet, es könnte geschossen werden. Doch am Ende siegen Mut, Vernunft und Menschlichkeit. Und Wahnsinn wird das Wort dieser Nacht. Der Mauerfall hat unser Leben verändert. Er hat Ost und West und Europa zusammengeführt. Aber auch Demokratie ist keine heile Welt. Der Angriff auf eine Synagoge in Halle hat uns das einmal mehr vor Augen geführt. Aber Demokratie verträgt Wahrheit. Sie verbindet Staat und Gesellschaft. Wir miteinander können Hass, Gewalt, Antisemitismus und Rechtsextremismus Hand in Hand die Stirn bieten. Wir miteinander können 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und 81 Jahre nach der Pogromnacht der Nazis Freiheit und Demokratie verteidigen.“ Die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in der DDR, Maria Nooke: „Der Mauerfall gehört zu den glücklichsten Momenten unserer Geschichte. Er stand am Ende eines Prozesses, der uns alle in Atem gehalten hat: Denn die Menschen in der DDR haben ihre Freiheit mutig erkämpft. Sie organisierten den Protest und fanden den Mut, Demokratie und Freiheitsrechte einzufordern. Sie haben das SED-Regime zu Fall gebracht. Die erkämpfte Freiheit gilt es zu gestalten und zu verteidigen.“

Mit ihr kamen die Deutsch-Polnischen Nachrichten schon am vergangenen Donnerstag bei einem Empfang in der brandenburgischen Landesvertretung in Berlin ins Gespräch. Auch dort wurde die Bedeutung Polens für die Entwicklungen bis zum Mauerfall zum Tragen.

Auf Einladung des amtierenden Bundesratspräsidenten Dietmar Woidke trafen in der Landesvertretung Brandenburgs Zeitzeugen des Mauerfalls und der Aufbaujahre auf jüngere Menschen, die im vereinten Deutschland groß geworden sind. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die Mitbegründerin der Initiative „Dritte Generation Ost“, Judith Enders, und Sandra Spletzer vom Netzwerk der Rückkehrinitiativen „Ankommen in Brandenburg“ diskutierten, was seit 1989 erreicht wurde – und was noch nicht.

Für Giffey stand die Zukunft im Vordergrund: Es gelte, Demokratie zu bewahren. Thomas de Maizière bezeichnete den Mauerfall als „ein Glück und ein Wunder“.

Auch die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal im Verbund mit den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel lud zur Erinnerung ein.

Den Auftakt der Betheler Feierlichkeiten bildete am Abend zuvor ein Gottesdienst zum Danken und Erinnern in der Lazarus-Kapelle. In seiner Predigt bezog sich Vorstandsvorsitzender Pastor Ulrich Pohl darauf, wie wichtig es sei, in schwierigen Zeiten den Glauben zu wahren. Während des DDR-Regimes sei die Kirche Ort der Zuflucht und Ermutigung gewesen. Der Glaube habe maßgeblich dazu beigetragen, den Geist der Friedfertigkeit und der Gewaltlosigkeit aus den Kirchen heraus auf die Straßen zu tragen.

Beim anschließenden Empfang mit rund 160 Gästen aus Kirche, Diakonie und Politik im Haus Lazarus erinnerte Martin Wulff, Geschäftsführer der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, an die Konsequenzen des Mauerbaus und an die Bemühungen, die knapp 30 Jahre später das Ende der Teilung herbeiführten. Viele hätten ihre Freiheit und ihr eigenes Leben riskiert, damit auch andere heute in Freiheit leben könnten und keine Angst davor haben müssten, ihre Meinung zu sagen.

Ihre ganz persönlichen Eindrücke von den Ereignissen rund um den Fall der Mauer teilten Hörfunkjournalist Jörg Hildebrandt und Pfarrer Dr. Werner Krätschell mit den Gästen. Auch Jörg Hildebrandt, Witwer der früheren Politikerin und Ministerin Regine Hildebrandt, unterstrich die Rolle der Kirche als Ort der Zuflucht. „Verschiedenste Gruppierungen fanden dort ihren Schutzraum“, sagte er. Die Menschen hätten darauf vertrauen können, in den Kirchen Geborgenheit und seelsorgerischen Beistand zu finden. „Die wussten, dass dort Pfarrer sind, die sich kümmern.“ Auch außerhalb von Berlin, in Lobetal und Bielefeld-Bethel, gab es am Samstag und Sonntag Gesprächsrunden mit Zeitzeugen des Mauerfalls.

Zu den Ehrengästen gehörte auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, Kuratoriumsvorsitzende der Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband.

191108_Gottesd_7829
Ehrengast Rita Süßmuth. Foto: (c) Müller

 

Hier noch weiterer Bildimpressionen über Facebook

 

191112 Mauerfall2
Siehe https://www.facebook.com/pg/DeutschPolnischeNachrichten/photos/?tab=album&album_id=1217957498395476&__xts__%5B0%5D=68.ARCVwD5VCht3131TZqKFU-0_CyNxv1WbIC1PBjfab4Qrkf2gTRF00GLJd6klE0HztEseGUs4cr1x2j5g_xNKrHk73sS5BqkfBPYMRVKkyuqEa6VeM1qYZMOzVNBLkzdR3FsFWNArPIuzMZQe7efQQ-nUrWK6utVdttoKw6SHIUenmL80y6a3uXYJNdeVVFCLTFL9BCYC-7mjiZlP6J1XWFcpMrzwMUIyiXrfwwt7Bjbnz0xi9EUU-B7hnlmtCZEfDCmPfqLQjcF8ZPYC9aXTZsKvd9KilxPka2mel96_FQfCtfmFGesAzXxMZM4pSGwJ66pYw-nrJm_AVGme1snLWVadow&__tn__=-UC-R

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s