Von Straßburg nach Weimar

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Klaus Hugler im Bildhaus Laden Foto: Frank Bürger

 

Potsdam (fb) Johann Gottfried Herder, geboren im ostpreußischen Mohringen, gehörte zum klassischen Viergestirn in Weimar, gemeinsam mit Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Bei seinem Vortrag im Potsdamer Bilderladen zeichnete der Literat Klaus Hugler den Weg Albert Schweitzers zu Johann Wolfgang von Goethe.

Auf der Burg Eger soll der bedeutende Feldherr Wallenstein seinen Tod gefunden haben. Ein  dramatisches Ereignis in den Wirren des 30-jährigen Krieges. Dieses Drama schmiedete Friedrich Schiller sehr eng an Johann Wolfgang von Goethe, eine Freundschaft unter den Flügeln der Freimaurer. Weimar entwickelte sich zum geistigen Zentrum. Mithilfe leistete auch Johann Gottfried Herder, der bei seinem Studium in Königsberg den aufklärerischen Geist von Immanuel Kant einzog.

Begegnet waren sich die beiden Großen der deutschen Geistesgeschichte zum ersten Mal 1770 in Straßburg. Herder war dorthin gereist, um eine lästige Augenfistel auszukurieren, der junge Goethe, um dort zu studieren und nicht zuletzt auch der Enge seiner Vaterstadt Frankfurt am Main zu entfliehen.

„Der Ostpreuße“, so erläutert der Elbinger Paul Fechter in seiner „Geschichte der deutschen Literatur“, sah offenbar in dem fünf Jahre Jüngeren nicht einen Menschen mit eigenem Recht, sondern einen jungen Mann – Goethe war gerade 21 Jahre alt –, der gründlich über seine Irrtümer aufgeklärt und von seinen durchaus falschen Wegen auf die einzig richtigen Herders und seines Lehrers Hamann geführt werden mußte.“

„Goethe liebte das Rokoko“, so Fechter weiter, „Herder schlug es ihm in Trümmer und setzte die Gotik an seine Stelle. Goethe hatte als junger Mann in Frankfurt von französischen Schauspielern viele Aufführungen der Tragödien Corneilles und vor allem Racines erlebt; Herder verdrängte diese latente Klassik und setzte Hans Sachs und die alte deutsche Welt an ihre Stelle, bot ihm statt des Alexandriners den Knittelvers und stellte den jungen Herrn aus dem reichen Frankfurter Haus vor völlig veränderte Aufgaben, die nicht der junge Dichter sich, sondern die Herder ihm ausgesucht hatte … Herders Suggestionskraft war so stark, daß der jüngere, weichere, obwohl er schon damals unter der oft unbedenklichen Rücksichtslosigkeit des Älteren litt, sich ihm beugte … Wenn der Einfluß Herders trotzdem so stark und fruchtbar werden konnte, daß er bis in die Wilhelm-Meister-Zeit und über sie hinaus bei Goethe fortgewirkt hatte, so lag das daran, daß die Hauptwelle der Zeit in die gleiche Richtung drängte. Die Bewegung, die die Jahre zwischen 1770 und 1780 erfüllte, hieß Shakespeare, Zerbrechen der Regeln, hieß Sturm und Drang und hieß vor allem Geniekult. Herder blieb der Stärkere, weil die Zeit, die Moderne mit ihm war und weil die Seele des jungen Goethe seiner Wucht noch nicht gewachsen sein konnte. Erst anderthalb Jahrzehnte später machte Goethe sich von dem störenden Eingriff frei, indem er nach Italien ging. Er floh nicht nur vor Frau von Stein – er floh ebenso vor Herder, obwohl er dessen Einwirkungen noch lange mit sich trug und im Grunde erst als Greis vollkommen abzuschütteln vermochte.“

Wie tief der Eindruck war, den Herder bei Goethe hinterlassen hat, entnehmen wir den Zeilen, die Goethe selbst über diese Begegnung schrieb: „Die ganze Zeit dieser Kur besuchte ich Herder morgens und abends; ich blieb auch wohl ganze Tage bei ihm und gewöhnte mich in kurzem um so mehr an sein Schelten und Tadeln, als ich seine schönen und großen Eigenschaften, seine ausgebreiteten Kenntnisse, seine tiefen Einsichten täglich mehr schätzen lernte. Die Einwirkung diesen gutmütigen Polterers war groß und bedeutend … von Herder … konnte man niemals eine Billigung erwarten, man mochte sich anstellen wie man wollte … Da seine Gespräche jederzeit bedeutend waren, er mochte fragen, antworten oder sich sonst auf seine Weise mitteilen, so mußte er mich zu neuen Ansichten täglich, ja stündlich befördern … Nun werde ich auf einmal durch Herder mit allem neuen Streben und mit allen den Richtungen bekannt, welche dasselbe zu nehmen schien. Er selbst hatte sich schon genugsam berühmt gemacht und durch seine ,Fragmente‘, die ,Kritischen Wälder‘ und anderes unmittelbar an die Seite der vorzüglichsten Männer gesetzt, welche seit längerer Zeit die Augen des Vaterlands auf sich zogen. Was in einem solchen Geiste für eine Bewegung, was in einer solchen Natur für eine Gärung müsse gewesen sein, läßt sich weder fassen noch darstellen. Groß aber war gewiß das eingehüllte Streben, wie man leicht eingestehen wird, wenn man bedenkt, wie viele Jahre nachher und was er alles gewirkt und geleistet hat …“

Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Charakteren – mit allen Höhen und Tiefen. So sandte Goethe dem Volksliedsammler Herder im September 1771 zwölf Lieder aus dem Elsaß und 1772 die erste Fassung des „Götz“ zur Beurteilung: „Auch unternehm ich keine Veränderung, bis ich Ihre Stimme höre.“ Herder schließlich äußerte sich gegenüber Caroline Flachsland, seiner späteren Frau, über den „Götz“: „Es ist ungemein viel deutsche Stärke, Tiefe und Wahrheit drin, obgleich hin und wieder es auch nur gedacht ist“ und riet Goethe zur Überarbeitung.

Die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts bringen ein reges Hin und Her zwischen den beiden Freunden. Neben aller Freundschaft aber gibt es auch Diskrepanzen, so daß Goethe im Januar 1775 an Herder schreibt: „Laß uns ein neu Leben beginnen miteinander. Denn im Grund habe ich doch bisher für Dich fortgelebt, und Du für mich.“

Ein Höhepunkt dieser Männerfreundschaft aber sind wohl die Bemühungen Goethes, den Mohrunger als Generalsuperintendent in die damals sechstausend Einwohner zählende Residenzstadt Weimar zu holen. Wieland bemerkte kurz nach seiner Ankunft: „Weimar ist seiner nicht wert; aber wenn ihm nur leidlich wohl bei uns sein kann, so ist Weimar so gut als ein andrer Ort …“ Herder ist bald unzufrieden, zu sehr halten ihn die Amtsgeschäfte von seiner literarischen Arbeit ab. Er streitet mit Kant, überwirft sich schließlich auch mit Goethe.

Als Herder 1803 stirbt, liegen vor Goethe noch nahezu drei Jahrzehnte voller Schaffenskraft. Beide haben sie schließlich ihre letzte Ruhestätte in Weimar gefunden: Herder in der Stadtkirche St. Peter und Paul, die heute gemeinhin Herderkirche genannt wird, Goethe in der Fürstengruft auf dem Historischen Friedhof.

Der Begegnungsort Straßburg behielt seine Bedeutung über Jahrhunderte hinweg. Die Reichsuniversität Straßburg, inoffiziell auch als „NS-Kampfuniversität Straßburg“ bezeichnet, wurde 1941 von den Nationalsozialisten im Elsass gegründet. Zum einen sollte eine Kontinuität zur deutschen Kaiser-Wilhelm-Universität, die vom Deutschen Reich getragen wurde, hergestellt werden, die zwischen 1872 und dem Versailler Vertrag existiert hatte. Zum anderen sollte Straßburg Zentrum der Westforschung werden. Diese sollte helfen, die westlichen Nachbarn an die neue europäische Ordnung zu binden und für die unter deutscher Führung entstehende Völkergemeinschaft zu gewinnen. Die Reichsuniversität Straßburg wurde im Herbst 1944 bei der Wiedereroberung des Elsass durch die Franzosen nach Tübingen verlegt und durch die alte französische Universität ersetzt.

Mit zu den Professoren gehörte der Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber, der Vater des späteren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, lange Zeit Lehrer an der Heidelberger Universität und später Bischof der  Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg.

Schweitzer hatte nun seine Heimat unweit von der geschichtsträchtigen Straßburger Idylle. 1928 erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main.
„Albert Schweitzer stellte den einzelnen Menschen, seine Individualität und seine Persönlichkeit über die Staatsräson und die Ideale des Zeitgeistes. In dieser Hinsicht verband ihn ein enges Band zu Goethes Humanität in Denken und Dichtung. In dem Postulat „Sei du selbst“ erkannte Schweitzer das Visionäre des Goethischen Gedanken, das er zu einer Botschaft des Friedens und der Menschenrechte weiterentwickelte“, erklärt einst Frankfurts Kulturdezernent  Felix Semmelroth. Schweitzers Beziehung zu Frankfurt sei ebenso vielfältig wie eng gewesen. Seine Vorfahren lebten bis ins 17. Jahrhundert in Frankfurt – er selbst besuchte die Stadt in der Zeit bis 1932 und nach 1949 regelmäßig. Die Frankfurter erteilten ihm 1959 die Ehrenbürgerschaft, benannten die erste Grundschule nach ihm, es entstand in den 50er Jahren die Albert-Schweitzer-Siedlung in Eschersheim. Am Tag seiner Beisetzung wurden in Frankfurt die Fahnen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast geflaggt. 1949 entstand dann die Bronzebüste seines Freundes Louis Mayer, die heute in der Paulskirche zu sehen ist. Das Deutsche-Albert-Schweitzer-Zentrum wurde 1969 eröffnet.

Der Arzt und Theologe selbst sagte einst: Frankfurt „hat gleich besonderen Zauber auf mich ausgeübt. Nicht nur, weil sich hier Bande der Freundschaft fest erhielten, die für mich etwas in meinem Leben bedeuteten, sondern auch, weil es das Besondere war, das mich in dieser Stadt heimatlich anmutete, und auch, weil es die Stadt Goethes war“.

Über all den Dingen stand der gemeinsame Wunsch der bedeutenden Männer nach Frieden. Noch Ende 1964 bespricht Schweitzer in Lambarene eine Schallplatte mit dem Titel „Mein Wort an die Menschen“, fasst hier sein Leben zusammen, erneuert seine Appelle gegen Wettrüsten und Atomwaffen. Nach vielfachen Ehrungen zum 90. Geburtstag stirbt Schweitzer am 4.September 1965 in Lambaréné.

Angesichts des Wettrüstens in unseren Tagen muss man den Appell des Weltenmannes Schweitzer bedenken.

Am 14. Februar setzt Hugler seine Gedankengänge im Bilderladen, Fultonstraße 6, 14482 Potsdam um 19 Uhr fort. Es geht um die Gedankenwelt von Bruno Wille.

5 Euro p.P.
Reservierung: 0331 – 81 32 85 73

Beitrag: Frank Bürger

 

 

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