Vom Johannesstift nach Stettin

Ehrengrab von Martin Albertz und seiner Frau auf dem Friedhof in den Kisseln. Foto: Frank Bürger

Berlin. Die Person Martin Albertz führt vom Evangelischen Johannesstift Berlin zu Dietrich Bonhoeffer und Stettin – eine Spurensuche.

Von Frank Bürger

Es ist immer lebendig vor dem Spandauer Martin-Albertz-Haus im Gorgasring. „Unsere Kita befindet sich in einer ruhigen Seitenstraße in Haselhorst und ist umgeben von einem Wohngebiet mit einigen alten Häusern und vielen Wohnblöcken aus den 1930er und 1960er Jahren und einem Neubaugebiet in der Paulsternstraße. In unmittelbarer Nähe zu der Kita befindet sich die katholische Kita St. Stephanus, die Kita Elfenbein, ein Seniorenwohnheim der Caritas sowie die katholische Kirche und eine Freikirche. Die evangelische Weihnachtskirche ist mit 10 Minuten Fußweg zu erreichen. Direkt gegenüber dem Kitagelände befindet sich ein öffentlicher Spielplatz, für den wir die Patenschaft übernommen haben“, heißt es zur Kita Senfkorn, die sich in dem Haus befindet. Regelmäßig kommen die Kinder zu Kita-Gottesdiensten in die Weihnachtskirche, mit der ja die Deutsch-Polnischen Nachrichten verbunden sind.

Quelle: Evangelischer Kirchenkreis Spandau

Der Name Martin Albertz hat in Spandau einen Namen.

Während der NS-Zeit gehörte der Theologe zu den Schlüsselpersönlichkeiten der Bekennenden Kirche in Berlin, half Juden und anderen Verfolgten, leitete das illegale Pfarrerprüfungsamt und prangerte Unrecht und Menschenverachtung in einer Denkschrift an Hitler an. In der Folge verlor er seine Ämter als Superintendent und Pfarrer an St. Nikolai und wurde von der Gestapo inhaftiert. Nach Kriegsende wirkte er als Dozent und Professor für reformierte Theologie und erneut als Spandauer Superintendent. 

Prälat Traugott Schächtele (Landeskirche Baden) und der ordinierte Pfarrer Frank Bürger in der Nikolaikirche

Seine Spuren führen aber auch in das Johannesstift und zu unseren polnischen Nachbarn nach Stettin.

Jakobskathedrale in Stettin

Das Predigerseminar in Wittenberg musste nach Ende des Ersten Weltkrieges aufgrund der Folgen geschlossen werden. Es wurde in das Evangelische Johannesstift in Berlin verlegt und dort unter dem Namen „Predigerseminar im Johannesstift in Spandau“ geführt. Martin Albertz wurde der Leiter. Der erste Kurs begann am 1. November 1921, der letzte endete im Dezember 1922. Es folgte die Verlegung nach Stettin-Kückenmühle. Grund für die Verlegung waren wohl die Finanzen. Die Teilnehmer des Seminars litten oft an den Folgen des Krieges. Unterernährung gehörte mit dazu. Das Seminar beklagte „einen neues Geist des kaufmännischen Rationalismus“. Der Zusammenbruch der Stiftsschule im Herbst 1922 besiegelte auch das Ende des Predigerseminars im Stift.

Quelle: Friedrich Bartels, Die Geschichte des Predigerseminars in Stettin-Kückenmühle

Stiftskirche im Evangelischen Johannesstift

Der Blick auf die Predigerseminare in Pommern lohnt sich.

Beim Hören der Stichworte Predigerseminar und Stettin denken wohl die meisten historisch Interessierten allenfalls an das von Dietrich Bonhoeffer geleitete Seminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde. Dass es in Pommern noch zwei andere Predigerseminare gegeben hat, ist in Vergessenheit geraten. Friedrich Bartels, langjähriger Vorsteher der Züssower Diakonie, ist im Zusammenhang seiner Forschungen zur pommerschen Diakoniegeschichte und besonders zu den Kückenmühler Anstalten in Stettin auf einen größeren Aktenbestand im Evangelischen Zentralarchiv Berlin gestoßen, der über ein Predigerseminar in Kückenmühle informiert. Die Ergebnisse seiner Aufarbeitung dieser Akten und weiterer Quellen hat er am 29. Juni 2016 im Pfarrhaus Neuenkirchen bei Greifswald vorgestellt. Ein erfreulich großer Kreis von Zuhörern war der Einladung der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte zu diesem spannenden Vortragsabend an einem historischen Ort gefolgt.

Friedrich Bartels berichtete zunächst, dass es schon in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Predigerseminar in Pommern gab. Auf Initiative des Generalsuperintendenten Jaspis hatte der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin, die Leitungsbehörde der preußischen Landeskirche, zu der die Provinz Pommern gehörte, ein Seminar in Züllchow einrichten wollen, das dann 1867 in Frauendorf, nördlich von Stettin am Oderufer gelegen, errichtet wurde. Der Betrieb bereitete jedoch von Anfang an wirtschaftliche Schwierigkeiten. Auch der Versuch, im Haus vor allem Nachwuchs für die Militärgeistlichkeit auszubilden, scheiterte. Nach wenigen Jahren wurde das Seminar daher geschlossen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde endlich für die Ausbildung der Geistlichen ein einjähriges Vikariat und ein ebenso langes Studium an einem Predigerseminar verbindlich eingeführt. Der Evangelische Oberkirchenrat errichtete nun eine Reihe von solchen Seminaren, allerdings zunächst nicht in der pommerschen Kirchenprovinz. Erst nach dem 1. Weltkrieg, als ein bisher in den nun polnisch gewordenen Gebieten Westpreußens gelegenes Seminar übergangsweise an das Johannesstift in Spandau verlegt worden war, kam es 1923 zum Umzug dieser Einrichtung aus Spandau nach Stettin-Kückenmühle auf das Gelände der Diakonie.

Erster Direktor war Martin Albertz, der, aus reformierter Tradition kommend, Schwierigkeiten sowohl mit einem konfessionellem Luthertum als auch mit der vorherrschenden konservativen, deutsch-nationalen Grundhaltung hatte. Sein Direktorat endete bereits 1931. Nachfolger wurde Otto Haendler, der zuvor Pfarrer in Stralsund war und sich bereits einen Ruf als praktischer Theologe erworben hatte. Das neue deutsch-christliche Kirchenregiment in Preußen legte ihm im nationalsozialistischen Staat einen Stellenwechsel nahe. Von 1935 bis 1949 war Haendler Pfarrer und Privatdozent in Neuenkirchen – heute ist das ehemalige Wohnzimmer der Familie Haendler Gemeinderaum in Neuenkirchen – und ab 1949 ordentlicher Professor in Greifswald, ehe er 1954 nach Berlin berufen wurde. Sein Nachfolger am Predigerseminar in Kückenmühle war der Theologe Hans Nordmann, der den staatstreuen Deutschen Christen offenbar näher stand. Er leitete das Seminar bis zur Schließung nach Ausbruch des 2. Weltkrieges und wirkte danach in verschiedenen Funktionen in Berlin.

Über die Lern- und Ausbildungsinhalte des Seminars in Kückenmühle gibt es leider keine Funde in den Akten. Nicht belegen lässt sich bisher auch, ob es Kontakte zwischen den Seminaristen aus Kückenmühle und denen aus Finkenwalde gab – die örtliche Nähe war ja gegeben. Nach dem Krieg haben dann allerdings Absolventen beider Häuser gemeinsam ihren Dienst in den durch den Kirchenkampf zerrütteten ehemals preußischen Landeskirchen aufgenommen, auch in Pommern und dies – wenn man sich einige Namen, die Friedrich Bartels auflisten konnte, in Erinnerung ruft – durchaus zum Segen der Kirche.

In dem Kirchengeschichtsjahrbuch „Herbergen der Christenheit“ aus Leipzig, das vom jetzigen Ortspfarrer aus Neuenkirchen, Pastor Dr. Volker Gummelt mit herausgegeben wird, ist eine Veröffentlichung der Studie von Friedrich Bartels über die Predigerseminare in Pommern noch in diesem Jahr vorgesehen – die Lektüre kann nur empfohlen werden, um den Mantel des Vergessens über diesem Stück unserer jüngeren Geschichte zu lüften oder eine sehr einseitige Erinnerungskultur durch neue Erkenntnisse etwas differenzierter und vielfarbiger zu gestalten.

Quelle: Christoph Ehricht, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte

Auf den Spuren Dietrich Bonhoeffers

200409 Bonhoeffer

Unterwegs im Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn. Foto: Joanna Bürger

Gerade mache ich mich auf den Weg zu den Wurzeln christlichen Lebens in Pommern. In Deutsch und auf Polnisch wird demnächst das Buch „Christianisierung in Pommern“ erscheinen.

Otto von Bamberg, Wandmalerei im ehemaligen Kloster Prüfening

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