
Berlin. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten machen sich auf Spurensuche nach dem Glockengießer Jakob Wenzel. Die Spurensuche lohnt sich.
Von Frank Bürger
Der Jerichower Ortsteil Steinitz hat eine historisch bedeutsame Glocke. Die findet auch ihren Niederschlag bei Wikipedia. Landrat Steffen Burchhardt und Kirchengemeinderätin Claudia Braunschweig hatten sich für die Instandsetzung der Glocke von Jakob Wenzel eingesetzt. Während einer Trauerfeier war die Verbindung zwischen Krone und Glocke gerissen,
Laut einer historischen Darstellung des Loburger Oberpfarrers Ernst Wernicke aus dem Jahr 1898 wurde die Glocke mit dem Durchmesser von 92 Zentimetern im Jahr 1677 von Jakob Wentzel in Magdeburg gegossen, sicherlich kein Unbekannter unter den Glockengießern. Wentzel war Brauer und Glockengießer. Wenige Jahre nach der Steinitzer Glocke produzierte seine Werkstatt die Glocke „Apostolica“, die ihren Platz im Geläut des Magdeburger Doms bekam. Zehn Jahre nach dem Steinitzer Glockenguss fertigte der Meister einen Klangkörper für den Berliner Dom, heute die Zentralkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland. Vergleichbar mit anderen Glocken befindet sich auf dieser die lateinische Aufschrift „Ad pompas, ad sacra preces, ad funera cives voce sua Christus quos ipsa vocu.“ Übersetzt: „Zur Hochzeit, zur heiligen Anbetung, zum Begräbnis rufe ich die Bürger, die Christi Stimme ruft.“
Der Name Jakob Wenzel hat einen besonderen Klang. Die Spuren führen in die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, nach Magdeburg
Die „Apostolica“ ist eine der historischen Glocken des Magdeburger Doms. Sie stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, wobei sich die erhaltenen schriftlichen Quellen auf das Jahr 1567 zurückdatieren. Sie wurde von Jakob Wenzel gegossen. Nach der „dicken Susanne“ war sie lange Zeit die zweitgrößte Glocke des historischen Geläuts.
Im Jahr 2013 wurde die Glocke umfassend saniert und erhielt einen neuen Klöppel, da der alte geschmiedete Klöppel den Anschlagring zu stark abgenutzt hatte
Die Glocke erklingt im Schlagton ais°

Darüber berichtet der Archäologe Rainer Kuhn, stellvertretender Vorsitzender des Magdeburger Glockenvereins.
Das Domgeläut soll wegen seiner besonderen Bedeutung wieder mit 12 Glocken ausgestattet sein. Dazu müssen die nur noch 4 vorhandenen Glocken durch 8 neue Glocken ergänzt werden. Nur so erhält der Magdeburger Dom wieder ein vollwertiges Kathedralgeläut, wie es jede Kathedrale selbstverständlich besitzt, die der Bedeutung des Magdeburger Doms entspricht.

Der Magdeburger Dom St. Mauritius und Katharina ist die erste und damit älteste und bedeutendste gotische Kathedrale Deutschlands.
Sie ist die Grablege Kaiser Ottos des Großen, der sich als Nachfolger der Caesaren des Heiligen Römischen Reiches (SACRUM REGIUM ROMANUM) sah, das ab dem 15. Jahrhundert „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ genannt wurde.
Außerdem liegt hier seine erste Gemahlin, Aedgith von Wessex (Königin Editha) begraben.
In ottonischer Zeit bestand hier eine Doppelkirchenanlage mit einer Südkirche im Bereich des heutigen Domes und einer Nordkirche im Bereich des benachbarten Domplatzes. Der Bau des gotischen Domes wurde 1207 oder 1209 – nachdem der südliche Vorgängerbau am Karfreitag des Jahres 1207 abgebrannt war – begonnen, im Jahre 1363 geweiht und 1520 mit der Vollendung des Westwerkes – einschließlich der beiden über 100 m hohen Türme – vollendet.
Damit ist der Magdeburger Dom eine der ganz wenigen gotischen Kathedralen auf deutschem Boden, die noch im Mittelalter fertiggestellt wurden und stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar.
Der Weg von Magdeburg nach Jerichow
Der Weg von Magdeburg in das Jerichower Kloster ist kein weiter.

In der Krypta des Klosters Jerichow gibt es eine Säule aus Granit. Die Archäologen bezeichnen das Material „Granito del Foro“, das hat einen besonderen Grund. Den Ursprung hat es in Ägypten und häufig kommt das Material auf dem Forum Romanum in der italienischen Hauptstadt vor. „Das ist also schon ein Stück Weltgeschichte“, sagt der Archäologe Rainer Kuhn aus Magdeburg bei einem Klosterbesuch lächelnd. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und ist eng mit dem Kloster verbunden. Für das Land Sachsen-Anhalt führte er unter anderem die Forschungsgrabungen im Dom zu Magdeburg durch und hat enorm viel Erfahrungen.
Ein Hauch Hurghada schwingt da schon mit, wenn man vor dieser besonderen Säule steht.
Hurghada, da denken doch viele sofort an die wunderbare bunte Korallenwelt, an das Schnorcheln und atemberaubende Tauchgänge im Roten Meer. Nicht viele haben dann eine Erlebnisfahrt durch die Wüste zum Mons Claudianus im Blick. Kuhn und seine Begleiterin Claudia Hartung kommen jedoch ins Schwärmen, wenn sie an diesen Ort nicht unweit des Badeparadieses denken. Die Arabische Wüste zwischen dem Roten Meer und dem Nil ist nicht nur reich an Sand, sondern auch an Edelsteinen, Gold, Mineralien und Steinen. Das schätzten schon die alten Ägypter: Sie bauten in meist offenen Bergwerken Edelsteine für Schmuck und Dekorationen ab; die Steinbrüche lieferten Säulen, Sarkophage und weiteres Baumaterial für Pyramiden und Tempel.
Auch die Römer haben sich dieser Schätze bedient und die Art und Weise des Abbaus verfeinert. Im Wadi Hammamat, zwischen El Quesir und Quena, liegt Mons Claudianus, angeblich die am besten erhaltene Römer-Siedlung inmitten mehrerer Steinbrüche. Von dort stammt mit Sicherheit der Stoff für die Jerichower Kostbarkeit. Irgendwann kam die Säule nach Italien. Und hier nun gibt es keine Sicherheit mehr. „Solche Säulen wurden in kaiserlichen Palästen oder in frühkirchlichen Bauwerken verwendet“, das kann der Archäologe sagen.
Es steht die Frage im Raum: Rom, Ravenna oder Mailand. Kuhn tippt auf das Zentrum des damaligen Weltreiches. Aber wie kam die Säule nun nach Deutschland und in das beschauliche Jerichow?
Eine wichtige Quelle dafür sind die Schriften Thietmars von Merseburg. In seinem zweiten Buch im 17. Kapitel berichtet er, dass Gold, Marmor, Edelsteine am Hof des Kaisers Otto. Die Kaiserkrönung Ottos I am 2. Februar 962 war das epochale Ereignis, das es nach der derzeitigen Forschung möglich machte, dass die Säule in diesem Zeitraum nach Magdeburg kam. Ausgrabungen in Magdeburg zeigen: Spolien gab es sowohl in der Ottonischen Nordkirche und in der Ottonischen Südkirche. „Ich gehe davon aus, dass die Säule zwischen 1170 und 1200 aus der Nordkirche hierhergekommen ist. Und im 13 Jahrhundert wurden im heutigen Magdeburger Dom und in der Umgebung 40 Spolien verbaut. Es bleibt immer noch ein steinernes Geheimnis, an dem weiter geforscht werden kann.
Mit Wirkung vom 1. Januar 2022 wurde die Stiftung Kloster Jerichow in die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt überführt. Das Kloster Jerichow gehört damit zum Vermögensbestand der öffentlich-rechtlichen Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.

Ein weiteres Bindeglied zwischen Magdeburg und Jerichow ist der Künstler Marco Reiß, Autor der Deutsch-Polnischen Nachrichten. Er wurde als kultureller Botschafter von Ministerpräsident Sven Schulze mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Glocken und Musik gehören zusammen, so auch Komponisten und Glockengießer.
Georg Philipp Telemann stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Sein Vater Heinrich hatte die zweite Pfarrstelle an der Heilig-Geist-Kirche inne. Seine Mutter Johanna Maria, die gerne und sehr gut sang, kam ebenfalls aus einer Pfarrfamilie. Die Telemanns lebten von 1679 bis 1690 wohl in einem Haus in der Judengasse. Getauft wurden die Kinder in der Heilig-Geist-Kirche. Beide Gebäude stehen nicht mehr. Georg Philipp besuchte die Schule am Magdeburger Dom, die sich im Südteil des Kreuzganges befand, und die Altstädtische Schule, ein Gymnasium mit reicher Musiktradition. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden dessen Reste später abgetragen. Die 1685 verwitwete Mutter Telemanns kaufte 1690 nahe der Wallonerkirche ein Haus, das ebenfalls nicht mehr steht.
In der Kirche aber wird der Suchende auf Telemanns Spuren fündig. Im Kirchenschiff steht eine Glocke, die Jakob Wentzel (gest. 1693), Bürger, Brauer und Glockengießer in Magdeburg, 1683 goss. Sie ist 595 Kilogramm schwer, misst 99 Zentimeter im Durchmesser und ist, so Carsten Lange, in mehrfacher Hinsicht bedeutend. Erstens steht sie für den Wiederaufbau und das langsame Erstarken der 1631 im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Stadt Magdeburg. Zweitens zeugt die kunstvolle Arbeit vom hohen Stand des Glockengießerhandwerks in Magdeburg und drittens verweist sie direkt auf die Familie Telemann. Denn zur reichen Glockenzier gehören neben einer Taube als Symbol für den Heiligen Geist auch Namen: Diaconus Henricus Telemann, der Vater des Komponisten; das Mitglied des Kirchenkollegiums Daniel Sebastian Lange als sein Patenonkel und der Kirchenälteste H. C. Dietrich Nolte, Ehemann der Taufpatin Georg Philipp Telemanns.
Quelle: hier klicken

