
Berlin. Am 10. April 2026 starb unerwartet ein langjähriger Wegbegleiter Ibraimo Alberto in Hirschhorn bei Nackarsteinach und Heidelberg, es gab eine jahrzehntelange Verbundenheit über Schwedt, Potsdam, Schwetzingen und Karlsruhe.
Von Frank Bürger
Ibraimo Alberto war ein Medienmensch. Zeitlebens kämpfte der in Mosambik geborene ehemalige Ausländerbeauftragter der Stadt Schwedt gegen Vorurteile in Rassismus. Die letzte Begegnung mit ihm: Ich durfte Ibraimo Alberto in den Spandauer Arkaden mein Buch „Auf den geheimnisvollen Spuren von Albert Schweitzer“ überreichen.
In dem Buch gibt es auch ein Kapitel zur Biografie von Ibraimo Alberto.
„Eine weitere Person, die mich mit Afrika und dem Geist Schweitzers verbindet, ist der ehemalige Boxer Ibraimo Alberto, über den überregional in verschiedenen Medien berichtet wurde.
Ibraimo Alberto liebt seine Heimat Mosambik. Und er weiß, was es heißt, aus rassistischen Gründen diskriminiert zu werden. Immer wieder hat Ibraimo Flagge gegen rechte Gewalt gezeigt und kämpft vehement gegen das Engagement der AfD.
Als Integrationsbeauftragter setzte er in Schwedt bewusst Zeichen, so zum Beispiel mit einem Schweigemarsch durch die Oderstadt gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Mike Bischoff und dem Verein Polnisch-Deutsche Standortentwicklung. Letztendlich gab er in der Oderstadt den Kampf auf und ging nach Karlsruhe. Dort fand er neue Partner und schrieb seine Gedanken nieder. Das Buch „Ich wollte leben wie die Götter“ las auch der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Aufgewachsen als Sohn eines Medizinmannes auf einer Sklavenfarm in Mosambik erkämpft er sich als Kind das Schulrecht und legt dafür täglich 36 Kilometer durch den Dschungel zurück. 1981 bot sich ihm die vermeintliche Chance eines Studiums im „Bruderstaat“ DDR.
Alberto boxt sich nach oben – im wahrsten Sinne: Er macht Karriere in einem Ostberliner Boxverein, nach der Wende boxt er für den Boxclub „Chemie PCK Schwedt“ in der Bundesliga. Schon zu DDR-Zeitengibt es rassistische Übergriffe. Sein bester Freund Manuel, der mit ihm aus Mosambik gekommen war, wird von Neonazis erschlagen. 1991 übernehmen Neonazis in seinem Wohnort Schwedt das Kommando. Alberto wird tagtäglich angepöbelt, beleidigt, angegriffen.
Als die Rechtsradikalen bei einem Fußballspiel drohen, seinen Sohn totzuschlagen, weiß Alberto, inzwischen Ausländerbeauftragter in der Stadt an der Oder, dass er hier keine Zukunft mehr hat. 2011 erhält er „innerdeutsches Asyl“ in Karlsruhe.
Der heute in Berlin lebende Ibraimo Alberto reiste 2015 als Delegationsteilnehmer mit Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier in die Staaten Mosambik, Sambia, Uganda und Tansania .
Ibraimo Alberto war Ausländerbeauftragter der Stadt Schwedt. Doch aufgrund seiner Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus verließ Alberto unter großem Interesse der Medien seine damalige Heimat. In Karlsruhe fand Alberto nicht nur eine neue Arbeit, sondern auch neue Liebe und Hoffnung. Er engagiert sich sowohl politisch als auch sozial. 2011 verließ er seine langjährige Heimatstadt – wegen des anhaltenden Rassismus.
Während eines Heimspiels seines damals 17- jährigen Sohnes in der Landesklasse des Schwedter Fußballverseins gegen eine Mannschaft aus Bernau, kam es gegenüber zwei Spielern des Schwedter Vereins zu rassistischen Äußerungen. Nach Ende der Partie wurde zuerst der Sohn von Ibraimo Alberto und dann auch er selbst von einem Spieler des gegnerischen Teams massiv rassistisch beschimpft. Der Spieler suchte eine Schlägerei mit Ibraimo Alberto und drohte unter anderem mit den Worten: „Ich schlage dich tot“. Andere Fußballer konnten Schlimmeres verhindern und hielten den Aggressor zurück. Der Schiedsrichter zeigte dem fraglichen Spieler nachträglich die rote Karte.
Das Gericht in Bernau sprach zwar den Angeklagten frei, ging aber davon aus, dass es während des Spieles und möglicherweise auch danach rassistische Pöbeleien seitens der Bernauer Fußballer gegeben habe.
Der Vorfall ist nur einer, in der persönlichen Geschichte Albertos, der sich in eine Serie von Angriffen und Beleidigungen einreiht, die er über die Jahre hinweg in Schwedt erdulden musste.
Besonders bedrückt ihn bis heute, dass zahlreiche Zuschauer den rassistischen Aus-fällen wort- und tatenlos zusahen. Der Entschluss der Familie Alberto, die Stadt zu verlassen, löste eine bundesweite Diskussion über Rassismus aus. Noch Monate nach dem Wegzug wurde Alberto durch eine Anrufserie mit Verhöhnungen und Drohungen von Schwedter Neonazis belästigt.
„In Schwedt wurde ich als Marionette missbraucht. „Der Kampf gegen Rassismus ist weiterhin mein Leben“, erzählt er heute traurig im Rückblick. Unvergesslich bleibt für ihn auch in dem Zusammenhang der Auftritt von Bundeskanzlerin Merkel, bei einem Bürgerdialog in einer Rostocker Schule. Eine Schülerin berichtete dort über die Belastungen während des Asylverfahrens – und die Angst vor drohender Abschiebung. Die Kanzlerin zeigte zwar Verständnis, verwies aber auf die deutschen Gesetze. Daraufhin brach das Mädchen in Tränen aus. Merkels Versuch, die 14-Jährige zu trösten, sorgte für viel Aufsehen, und für Betroffenheit bei Alberto, so berichtet er beim Treffen mit der Prenzlauer Rundschau. Er ist bei Diskussionsrunden ein gerngesehener Gast. Auch in Zukunft beschäftigt sich die Weihnachtskirche mit Integration und dem Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Die Afrika-Reise unterstrich Albertos politisches Engagement. Der Hintergrund der Reise war, dass angesichts großer Armut in weiten Teilen der Bevölkerung und sinkender Rohstoffpreise sich alle vier besuchten Länder um deutsche Investitionen bemühen, so die Aussage auf der Homepage von RTL. Steinmeier sagte, zu einem guten Umfeld gehöre „in allererster Linie“ die Bekämpfung der Korruption. „In vielen Ländern, die wir auch jetzt hier besuchen, lässt das sehr zu wünschen übrig. Hier geht es nicht um Wunsch und Vorstellung, sondern um Leistung und Gegenleistung“, meinte er in einem Interview mit der ‚Deutschen Welle‘. So war es richtig, nach all den Vorkommnissen in der Uckermark Alberto mit nach Afrika zu nehmen, auf eine Reise, in der er Vergangenheit und Gegenwart verbinden konnte. Auf einer weltweiten Rangliste der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International lag Uganda zu dieser Zeit auf Platz 142 von 175 Staaten. Gegen die Präsidentenfamilie gibt es massive Korruptionsvorwürfe.
Bei der Reise mit Steinmeier kam es sowohl zu einem Treffen mit Museveni als auch mit Kandidaten der Opposition. 2016 steht in Uganda die Präsidentschaftswahl an. Steinmeier lobte Uganda als „Stabilitätsanker“ in der Region. Dem Präsidenten dankte er für dessen Bemühungen, einen neuen Bürgerkrieg in Burundi zu vermeiden. Uganda spiele hier eine „sehr konstruktive Rolle“.
So veröffentlichte Alberto das Buch „Ich wollte leben wie die Götter“. Sein Blick ist dabei auf die Zeit in der Uckermark gerichtet. Auch darüber tauschte er sich mit dem Bundesaußenminister aus. Nach der Reise geht der Blick zurück nach Schwedt und den damals dort ansässige Jugendtreff „Flash Too,“ der vom Trägerverein Podest (Polnisch-Deutsche Standortentwicklung) getragen wurde und dessen Leiter Alberto war.
Vor der Auflösung des Vereins und des Jugendtreffs, kam es zu einem letzten öffentlichen Auftritt Albertos als Ausländerbeauftragter in geschlossener Runde. Aus diesem Anlass wurde der Nazi-Aussteiger-Film „Einer von uns“ zum Abschied gezeigt. Dieser gewann erst nach den NSU-Anschlägen Bedeutung. Dies war bei seiner Premiere im September 2010 noch nicht der Fall gewesen. Bei der Premiere des Films an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt gab es Vorbehalte, weil es angeblich keine rechte Szene in der Uckermark mehr geben würde. Durch die Anschläge der Terrorgruppe und dem jetzt eingeleiteten NPD-Verbotsverfahren gibt es nun auch eine andere Einschätzung.
Den Verein und den Jugendtreff gibt es nicht mehr. Nach einem Überfall, bei dem es klar gegen das Nachbarland Polen ging und die polnische Fahne von rechtsgerichteten Jugendlichen und Erwachsenen von der Wand im Jugendtreff gerissen wurde, gab man auf. „Die Mehrheit der Vereinsmitglieder und der Vorstand sehen in dem Überfall einen Angriff auf polnische Mitarbeiter und Vereinsmitglieder. Sie haben sich darüber verständigt, den Verein aufzulösen`“.

Vorstellung des Buches von Ibraimo Alberto in Potsdam

Filmausschnitte von „Einer von uns“
Der Film führt auch in die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
In der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück wurde am 3. Mai in Anwesenheit der Überlebenden Janina Iwańska aus Polen (95), Richard Fagot aus Israel (90), Ib Katznelson aus Dänemark (84) und Ingelore Prochnow aus Deutschland (82) mit einer Gedenkveranstaltung an die Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück vor 81 Jahren erinnert. Nach der Begrüßung durch Gedenkstättenleiterin Andrea Genest und die Präsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees (IRK), Ambra Laurenzi, sprachen die brandenburgische Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle, der Sinto, ehemalige Europaabgeordnete und Musiker, Romeo Franz, sowie Janina Iwańska, die als politische Gefangene nach dem Warschauer Aufstand im KZ Ravensbrück inhaftiert war, zu den Anwesenden. Im Anschluss an christliche und jüdische Gebete wurden am Denkmal „Tragende“ Kränze im Gedenken an die Opfer niedergelegt.
Bereits am Samstag hatten sich rund 40 Angehörige von Ravensbrück-Häftlingen aus zahlreichen Ländern beim „Forum der Generationen“ über familiäre Erinnerungen, ihre Weitergabe und die sich daraus ergebende Verantwortung für die Gegenwart ausgetauscht. Bei einem „Markt der Erinnerung und Begegnung“ stellten 18 Initiativen, Gedenkorte und zivilgesellschaftliche Akteure ihre Arbeit vor. Ergänzt wurde das dreitägige Programm durch Führungen, weitere Gedenkformate und kulturelle Beiträge, die unterschiedliche Zugänge zur Geschichte des Ortes eröffneten.
Historischer Hintergrund
Ravensbrück war das zentrale Frauen-Konzentrationslager im Deutschen Reich, in dem zwischen 1939 und 1945 mindestens 120.000 Frauen und Kinder aus ganz Europa inhaftiert waren. Ab 1941 wurde auch ein Männerlager mit insgesamt 20.000 Gefangenen eingerichtet. Mindestens 28.000 Menschen kamen im KZ Ravensbrück um. Kurz vor Kriegsende evakuierten das Internationale sowie das Schwedische und Dänische Rote Kreuz rund 7.500 Häftlinge nach Schweden, in die Schweiz und nach Frankreich. Die verbliebenen 20.000 Häftlinge wurden von der SS auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben, viele starben dabei. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das KZ Ravensbrück und die rund 3.000 zurückgelassenen kranken Häftlinge. Doch das Leiden endete für viele nicht mit der Befreiung: Viele starben in den anschließenden Wochen und Jahren an den Folgen der KZ-Haft.
Quelle: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (mwfk.brandenburg.de)
