
Berlin. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten fokussieren das Buch „Tabakpech“ von Eva-Martina Weyer. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart.
Von Frank Bürger
Unvergesslich bleiben die Sprünge über das Feuer auf dem Gelände eines Journalisten. Mit dabei die Kollegin Eva-Martina Weyer. Ist es das Kummerow, das Ehm Welk in seinen „Heiden“ beschrieben hat? Standardliteratur in der ehemaligen DDR. Nur wenige Kilometer von Kummerow entfernt liegt der Ort Biesenbrow. Hier ist Ehm Welk geboren und zur Schule gegangen. Nicht wenige Kilometer entfernt liegt der heutiger Schwedter Ortsteil Vierraden.

Auf den ersten Blick ist Schwedt eine Industriestadt. Die Papierfabrik am einen und die Raffinerie am anderen Ende, dazwischen die Wohnkomplexe. Aber lange bevor die Erdöl- und Zelluloseverarbeitung den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg begründete, gab es bereits Industrie in der Stadt. Seit dem 18. Jahrhundert prägte die Tabakindustrie Schwedt und sein Umland – um letztlich nahezu vollständig zu verschwinden. Die Spuren des Anbaus und der Verarbeitung des Tabaks sind bis heute an Gebäuden und Kunstwerken im Stadtraum zu finden.
„Vor über 300 Jahren brachten Hugenotten den Tabakanbau in die östliche Uckermark. Die natürlichen und klimatischen Bedingungen begünstigten den Anbau, sodass sich die Region an der Oder zum drittgrößten Tabakanbaugebiet in Deutschland entwickelte. Modern gestaltete Ausstellungsbereiche geben Einblicke in die Geschichte und Gegenwart des Tabakbaus, des Tabakhandels und der Tabakverarbeitung. Um den Charakter des Gebäudes als technisches Denkmal der Produktionsgeschichte zu bewahren, wurden bauliche Veränderungen nur im unbedingt erforderlichen Maße durchgeführt. In drei Etagen steht auf einer Fläche von 500 qm die Pflanze NICOTIANA im Mittelpunkt. Die Ausstellungsbereiche zeigen den Weg der Tabakpflanze aus der neuen in die alte Welt, stellen das Tabakpflanzerjahr vor, demonstrieren traditionelle und moderne Anbaumethoden und belegen die Verarbeitung zu Schnupf- oder Kautabak, Zigarren und Zigaretten“, schreibt die ehemalige Vierradener Bürgermeisterin Karin Stockfisch auf der Website der Gerda-Henkel-Stiftung.

In ihrem spannend geschriebenen Buch schildert Eva-Martina Weyer eine Familiendrama rund um den Tabak.
„Tabakpech“ erzählt als große Familiengeschichte die Jahre 1930 bis 1995 im unteren Odertal, wo die Grenzen von Preußen und Pommern, von Hochdeutsch und Platt verwischen. Das Schicksal der Menschen ist von Tabak und Tradition geprägt.
Eva-Martina Weyer wurde in Anklam geboren und wuchs in Schwedt an der Oder auf. Nach dem Studium der Journalistik hat sie fast 40 Jahre bei einer großen Regionalzeitung östlich von Berlin gearbeitet. Mit 60 Jahren machte sie sich als Journalistin selbständig und recherchierte umfangreich zum Tabakanbau in der Uckermark. Die schwere Feldarbeit, der Zusammenhalt in den Pflanzerfamilien, ihre Traditionen und Lebensfreude haben sie tief berührt. Nach tausenden von Zeitungsartikeln ist „Tabakpech“ ihr erster Roman. Eva-Martina Weyer ist Vorleserin für kleine und große Kinder. Sie lebt mit Mann und Kater mitten im Nationalpark Unteres Odertal, dem Land zwischen den Flüssen.

Quelle: Verlag / vlb
Ein paar Noten…Es geht fiktiv um die Gemeinden Gottesgabe und Mühlraden. Beide Namen sind gut gewählt. Denn Kirche und Pfarrer spielen schon eine wesentliche Rolle. Zudem ist es die Windkraft, die Windmühlen, die alternative Energien, die heute das Leben prägen.
Das Schicksal der Elfie ist beispielhaft für viele. Das junge Mädchen, das gerne „Wie lieblich ist der Maien“, „Es ist ein Ros“ oder „Veronika“ singt, träumt von einer Gesangskarriere in Berlin. Doch die biologische Uhr tickt anders. Bleibt sie die Pechmarie oder ist das Kinderglück ihr Leben?
Eine weitere Note, die einem Insider auffällt, ist der Moment der Wende mit der Erwähnung von Wolfgang, der zum Minister in der Landesregierung wird.
Damit verbunden der Name der Familie Menanteau.
Karl Menanteau, so der Name des ehemaligen Ortsvorstehers der Grenzgemeinde Mescherin. Dort trafen sich im Jahr 2000 der schon oben genannte Minister Wolfgang Birthler, die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin und der Wartiner Schlossherr Hans-Joachim Mengel zu windigen Themen.
Lobenswert: Die ausgefeilte, emphatische Sprache der Autorin.
280 Seiten, Hardcover, mit farbigen Illustrationen von MI
ISBN 978-3-948065-38-6
Vor sechs Jahren beschäftigten sich die Deutsch-Polnischen Nachrichten mit dem Thema Vierraden

