Von Spandau zum Schwetzinger Schlosstheater

Das Schwetzinger Schloss, Gemälde von Fritz Ueltzhöffer (Schwetzingen)

Schwetzingen. Die Verbindungen von Heidelberg und Schwetzingen sind gewachsen. Doch sie reichen auch nach Spandau und streifen ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Von Frank Bürger

Meine Frau Joanna und ich haben dort Hochzeit gefeiert. Im Schwetzinger Schlosscafé. Mit unter den Gästen auch Mentor Werner Boll, Musiklehrer am Johann-Peter-Hebel-Gymnasium, das ich besuchte und wo ich mein Abitur ablegte. Nun wohnt die Familie in Spandau. Auf dem Weg nach Potsdam fahren wir an der ehemaligen Zitadelle vorbei. Dort wurden von den Alliierten unter anderem die Kriegsverbrecher Albert Speer und Rudolf Hess gefangen gehalten. Beides waren Riesen im Regime des dritten Reiches. Speers „Spandauer Tagebücher“ dokumentieren diese Zeit. Speer lebte nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Spandau 1966 überwiegend in der Heidelberger Villa, die sein Vater im Jahre 1905 erbaut hatte und die sich auch in den 1960er Jahren noch im Familienbesitz befand. Natürlich ist davon bei einer Fahrt durch den Weg nichts von der Straße aus zu sehen. Der Weg zum Schloss ist nicht weit. Einer der Heidelberg ideologisch prägte war ein weiterer Riese: Josef Göbbels.

Die Heidelberger Thingstätte auf dem Heiligenberg ist ein Beispiel für nationalsozialistische Architektur und eine nach dem Vorbild antiker griechischer Theater errichtete Freilichtbühne. Die Thingstätte wurde von 1934 bis 1935 vom Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten erbaut. Die Bühne sollte vor allem für Propagandaveranstaltungen genutzt werden.

Anastasia oberhalb der historischen Thingstätte. Foto: Frank Bürger

Doch schon bald verloren die Nationalsozialisten das Interesse an der Anlage. Während des Zweiten Weltkriegs war die Thingstätte weitgehend ungenutzt. Heute ist die Thingstätte ein Kulturdenkmal, das für Touristen, Wanderer und Waldspaziergänger frei zugänglich ist. Sie verfügt über keine baulichen Anlagen und ist weder eingezäunt noch beleuchtet.

Als Joseph Goebbels 1943 für seine mehr als 20 Jahre zuvor abgeschlossene Dissertation an der Universität Heidelberg geehrt wurde und eine Erneuerung seiner Promotionsurkunde erhielt, erwähnte der Reichspropagandaminister in einer anschließenden Dankesrede seinen Doktorvater mit keinem Wort. Ein Grund dafür mag darin gelegen haben, dass Max Freiherr von Waldberg Goebbels’ literaturhistorische Arbeit über den Dramatiker Wilhelm von Schütz seinerzeit eher kritisch begutachtet hatte. Hinzu kam: Der Heidelberger Germanistik-Professor war 1933 infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft in den Ruhestand versetzt worden. Fünf Jahre später, im November 1938, starb er an den Folgen einer Krebsoperation. Seine Ehefrau Violetta, der die Deportation in das KZ Theresienstadt drohte, nahm sich im April 1942 das Leben.

Kunst und Kultur waren wichtig für die Nazis. Propaganda war das Wort der Stunde.

Eine historische Reise: In der Silvesternacht 1777 erfuhr Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz, dass er Bayern geerbt hatte. Daran verknüpft war die Residenzverlegung nach München. Nach einer letzten Sommersaison 1778 und einer abschließenden großen Hirschjagd Anfang August brach der kurpfälzische Hof in die neue Kurpfalz-Bayrische Residenz auf. Somit verwaiste auch das Schwetzinger Schlosstheater.

Frank Bürger neben der Büste des Kurfürsten auf Schloss Nymphenburg (München)

Der nördliche Zirkelbau wurde zwischen 1748 und 1750 von Alessandro Galli da Bibiena westlich vom Schloss errichtet. Hinter seiner elegant geschwungenen Fassade verbirgt sich das beeindruckende Schlosstheater, ein Meisterwerk von Nicolas de Pigage.

Nicolas de Pigage (1723-1796) schuf mit dem Schlosstheater von 1752 bis 1753 sein erstes Meisterstück in Schwetzingen. Die Erstausstattung war vom blumigen Rokokostil geprägt. Nach 1770 erfolgte eine Farbgebung in zurückhaltenden Grautönen im frühklassizistischen Stil. Der original erhaltene Zuschauerraum bietet mit seiner Bestuhlung von 1937 das authentische Bild eines intimen Schlosstheaters aus dem 18. Jahrhundert. Die angrenzenden Säle mit ihren hohen Fenstertüren dienen immer noch als Foyer und Wandelhalle.

Quelle: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

In der badischen Zeit nutzte man das Theater nur 1823 und zum großen Herbstmanöver 1840 für jeweils eine Vorstellung. Danach wurde der große Raum des Theaters sogar zum Dörren von Hopfen missbraucht. Kurz nachdem der badische Großherzog 1918 abgedankt hatte, ging der Schwetzinger Schlossgarten 1919 in den Besitz des Badischen Staates über. Ab 1922 plante man, das vergessene Juwel der barocken Bühnenkunst aus seinem langen Dornröschenschlaf zu erwecken und das Theater wieder in Betrieb zu nehmen. Nur der Geldmangel in der Nachkriegszeit und die Inflation verhinderten dies.

Unter der Nazi-Regierung von Baden, die sich sogar Rückendeckung bei Propagandaminister Göbbels holte, wurde das Theater wieder bespielbar gemacht.

Eröffnet wurde das Schwetzinger Theater am 10. Oktober 1937 mit einer Festvorstellung mit den Concerto grosso von Georg Friedrich Händel, dem Schauspiel „Die Laune des Verliebten“ von Johann Wolfgang von Goethe und der Oper „Die Pilger von Mekka“ von Christoph Willibald Gluck. Zu diesem Anlass wurde die Stadt zeittypisch beflaggt, die Schlosswache trat in kurpfälzischer Uniform des 18. Jahrhunderts an, Fackeln säumten den Weg zum Theater und Rokoko-Paare begrüßten die Gäste im Foyer.

Quelle: Schwetzinger Zeitung

Dazu gehört auch ein belegbarer Besuch des Propagandaministers in Schwetzingen. Herbert Baumann kennt das alles nur zu gut, wuchs er doch mittendrin auf. Seine Eltern, Konditormeister Christian Baumann und dessen Frau Marie, führten einst das Schlosscafé, das heutige „Theodors“, sowie die „Kurfürstenstube“. Sie pachteten die Lokalitäten 1938 und die Familie verwöhnte dort 30 Jahre lang ihre Gäste. In das Gästebuch des Schlosscafés kamen natürlich auch bekannte Menschen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und vor allem Kunst sowie Kultur – auch während der dunkelsten Zeit Deutschlands. Ganz vorne im Gästebuch hat sich Paul Joseph Goebbels (1897 – 1945) verewigt. Der einstige Reichspropagandaleiter in der Zeit des Nationalsozialismus war mit dem japanischen Botschafter Hiroshi Oshima am 11. Juli 1939 im Schloss zu Gast. Die Gespräche hatten weltpolitisch Folgen.

Der Dreimächtepakt war ein am 27. September 1940 auf Initiative Adolf Hitlers geschlossener Vertrag des Deutschen Reiches mit dem Kaiserreich Japan und dem Königreich Italien, dem sich danach weitere Staaten anschlossen. Er wurde von den Vertragspartnern auch als Achse Berlin-Rom-Tokio bezeichnet.

Der Angriff auf Pearl Harbor, auch bekannt als Überfall auf Pearl Harbor beziehungsweise als Operation Ai[1], war ein Überraschungsangriff der Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräfte in Friedenszeiten auf die in Pearl Harbor im Hawaii-Territorium vor Anker liegende Pazifikflotte der USA am 7. Dezember 1941. Am darauffolgenden Tag erklärten die USA dem Kaiserreich Japan den Krieg.

Mit dem Angriff weitete das Kaiserreich Japan den seit 1937 geführten Pazifikkrieg aus. Durch die Operation sollte die Pazifik-Flotte der USA vorübergehend ausgeschaltet werden, um ungehinderten Zugriff auf Rohstoffe in Südost-Asien zu erhalten. Nach der Kriegserklärung der USA am 8. Dezember erklärten daraufhin das mit Japan verbündete nationalsozialistische Deutsche Reich sowie Italien am 11. Dezember 1941 den Krieg gegen die USA (Kriegserklärung Deutschlands und Italiens an die Vereinigten Staaten). Damit wurde der Angriff auf Pearl Harbor mit seinen Folgen zu einem entscheidenden Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg,

Ein besonderer Hinweis im Schlossgarten auf Nicolas de Pigage im Schwetzinger Schlossgarten ist das „Perspektiv“

Das »Perspektiv« – ein Laubengang der einen Blick auf das „Ende der Welt“ gestattet – wurde von Nicolas de Pigage gestaltet. Es schließt die Hauptachse des Badhausgartens nach Norden hin ab. Am hinteren Ende der Treillage ist eine Flusslandschaft zu erkennen. Dabei handelt es sich um die Kopie eines Gemäldes von Ferdinand Kobell, die als Fresko auf eine Mauer aufgebracht wurde. Durch geschickt genutzten Lichteinfall erscheint das Bild realistisch. Im Zusammenspiel von dem auf das Bild zuführenden Gang und einem vor der Mauer platzierten Architekturrahmen entsteht eine starke Tiefenwirkung. An den Laubengang schließt sich ein Pavillon mit zwei Seitenräumen an, dessen Hauptraum als zum Bild hin offene Grotte gestaltet ist und mit Tuffstein verkleidet wurde.

Im Jahr 2024 feiert Kurfürst Carl Theodor seinen 300. Geburtstag. Für die Geschichte Schwetzingens wie auch der Kurpfalz insgesamt ist Carl Theodor eine historische Figur von herausragender Bedeutung. Schwetzingen in seiner heutigen Form ist ohne den Ausbau zur Sommerresidenz, und damit einhergehend auch der Schwetzinger Innenstadt durch Carl Theodor Mitte des 18. Jahrhunderts, undenkbar.

Aus diesem Grund wird in Erinnerung an den Kurfürsten und sein Wirken in und für Schwetzingen das Themenjahr „CT 1724 – 2024“ durch die Stadtverwaltung ausgerufen und durch thematisch passende Veranstaltungen gerahmt. Diese werden vom 4. November 2024, dem 299. Namenstag des Kurfürsten, bis zum 10. Dezember 2024, dem 300. Geburtstag Carl Theodors, veranstaltet. Als zentraler Beitrag fungiert eine Kabinettausstellung, die in Erinnerung an den Kurfürsten in der ehemaligen „Kurfürstlichen Museumsstube“, der früheren Hofapotheke, aufgebaut wird. Neben den jüngst restaurierten Staatsporträts des Kurfürstenpaares, dem Nachbau des kurfürstlichen Gartenwagens („Gartenphaeton“) und ausgewählten Neuerwerbungen der letzten Jahre für die städtische Sammlung soll dort auch ein „Lebendes Buch“ als multimedialer Stammbaum der kurfürstlichen Familie die Geschichte der Schwetzinger Sommerresidenz auf neuartige Weise erlebbar machen. Der Gemeinderat Schwetzingen beauftragte die Verwaltung jetzt mit den Vorbereitungen des Themenjahres, der Erstellung des Lebenden Buches sowie der Sponsorensuche hierfür.

Andrea Baisch, Stadt Schwetzingen

„Am 2. August 2023 erinnern wir uns an den 300. Geburtstag von Nicola de Pigage. Er wurde an diesem Tag in unserer französischen Partnerstadt Lunéville geboren und verstarb am 30. Juli 1796 in Schwetzingen. Er hat über Jahrzehnte während der Regentschaft von Kurfürst Carl Theodor als dessen maßgebender Architekt und Gartengestalter gearbeitet und nachhaltig gewirkt. Ohne Zweifel war Kurfürst Carl Theodor als aufgeklärter absolutistischer Herrscher in dieser Zeit die letzte Instanz, Nicola de Pigage war aber der geistige künstlerisch-kreative Schöpfer und Verwirklicher vieler Architekturen, die uns aus der Zeit des Barocks in Schwetzingen (Garten, Rokokotheater), Mannheim (Schloss), Heidelberg (Karlstor) und der Region bis heute verblieben sind und unserer Region ihr barockes Gesicht verleihen.“

Facebook Oberbürgermeister René Pöltl

Der französische Hofarchitekt Nicolas de Pigage. Das Originalporträt befindet sich im Stadtmuseum Düsseldorf.

Hier noch eine persönliche Wanderung durch den Schwetzinger Schlossgarten

Hier klicken

Hinterlasse einen Kommentar