
Berlin. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten zeigen es: Auch musikalisch ist der Weg von Potsdam nach Schwetzingen kein weiter.
Von Frank Bürger
Die Deutsch-Polnischen Nachrichten schauen gerne in die Schlossperlen Potsdam und Schwetzingen, wirtschaftlich, politisch und auch kulturell. Bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci hat Dorothee Oberlinger die künstlerische Leitung. Und zu Gast ist sie in wenigen Monaten auch bei den Schwetzinger SWR-Festspielen, und zwar als Residenzkünstlerin.
Die Blockflöte, zeigt Dorothee Oberlinger, kann singen, seufzen, pfeifen. Sie setzt barocke Sirenen ins Bild, erzählt von der Liebe und von einer fünften Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst. Als Spezialistin für historisch informierte Aufführungspraxis hat Oberlinger ihr eigenes Ensemble nach einem Jahr aus ihrer Lieblingsepoche benannt: 1700.
Sie ist bei den Festspielen mehrfach im Einsatz
Mit seiner Komposition In C schrieb Terry Riley Musikgeschichte. Das Werk aus dem Jahr 1964 gilt als Ausgangspunkt der Minimal Music und eröffnet bis heute neue Horizonte. Inspiriert von afrikanischer Polyrhythmik und kollektiven Spielweisen, bewegt es sich in schwebenden harmonischen Sphären und entfaltet zugleich eine mitreißende rhythmische Energie. Das Besondere: In C ist kein fertiges Stück im herkömmlichen Sinn. Es besteht aus kurzen musikalischen Modulen, die jede:r Interpret:in frei wiederholt, verschiebt, überlagert – im eigenen Tempo, in eigener Dauer: Die Aufführenden werden zu Mitkomponierenden. Jede Stimme ist unverzichtbar, jede Haltung hörbar. So entsteht ein lebendiger Gruppenprozess, bei dem Zuhören, Reagieren und Sich-Einbringen gleichermaßen gefragt sind.
Unter der Leitung der Schwetzinger Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger wird die Orangerie zum Resonanzraum für Musizierende und Publikum gleichermaßen und zum Ort eines besonderen klanglichen Gemeinschaftserlebnisses. Das Projektensemble Mittendrin setzt sich zusammen aus jungen Talenten, Student:innen, sehr guten Amateuren und professionellen Musiker:innen.
Sie wollen auch mitmusizieren? Im Rahmen der Musikvermittlungsreihe Mittendrin ist dies möglich.
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Wir wissen nicht, wie schön die Stimmen der antiken Sirenen klangen. Wir wissen nur, dass, wer sie hörte, zu Tode kam. Und dass deshalb Odysseus und seine Mitreisenden ihre Ohren mit Wachs verstopften, als sie an den Singenden vorübersegelten. Aus Wut und Trauer darüber haben sich die Sirenen anschließend selbst getötet. Aus, vorbei! Das Publikum muss also nicht um sein Leben fürchten, wenn es seine Ohren jetzt für betörende Klänge öffnet, die in der Nähe des mythologischen Geschehens entstanden. Die Schwetzinger Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 präsentieren ebenso verführerische wie opernhafte Gesänge für Blockflöte und Orchester aus einem neapolitanischen Manuskript. Hinzu kommt eine Triosonate des großen barocken Melodikers Georg Friedrich Händel. Und hinzu kommt ein Rätsel. Ist das Concerto a quattro in d-Moll für Blockflöte, Violine, Cello und Basso continuo eine Komposition des jungen Telemann, von der Händel später einiges abkupferte, oder ist es ein Gemeinschaftswerk der beiden? Wer kein Wachs in den Ohren hat, mag sich selbst eine Meinung bilden. Oder so lange die prägende Bassmelodie im Largo laut mitsingen, bis draußen mit Sirenengeheul der Streifenwagen vorfährt.
„Die Natur hält den Atem an … Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist … Im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.“ Das schreibt Kurt Tucholsky über die Zeit zwischen Spätsommer und Frühherbst, die – für ihn – „fünfte Jahreszeit“. Die Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger und ihr Duo-Partner Edin Karamazov leihen sich Tucholskys Titel und Beschreibung für die Musik und die Gefühle eines Konzertprogramms rund um Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten. Dieses populäre Konzert-Quartett ist hier in einer eigenen Bearbeitung für Blockflöte und Laute zu hören, die den barocken Werken persönliche und intime Aspekte abgewinnt. Und für die fünfte Jahreszeit steht ein Werk, das die Engländerin Imogen Holst, Tochter des Komponisten Gustav Holst (Die Planeten), geschrieben hat. The Fall of the Leaf (Das Fallen des Blattes), im Original für Violoncello solo, wechselt zwischen freiem Rezitieren und einer wiederkehrenden melodischen Phrase und streckt die Hände in beide Richtungen der Zeit aus – zur Tradition und zur Moderne. Die fünfte Jahreszeit ist eine Zwischen-Zeit des Rück- und des Ausblicks. Eine Zeit der Melancholie und der satten Seufzer. So gut, so schön.
Ach, die Liebe! Wie kann ich frei bleiben, wenn ich mich an einen anderen Menschen binde? Wo bleibt das Ich, wenn es riskiert, mit einem anderen zu einem Wir zu verschmelzen? „Mir klopft das Herz, und ich verstehe nicht warum“, singt in Händels Kantate Mi palpita il cor ein von Leidenschaft, Eifersucht und Schmerz gebeutelter Mensch, dessen Herz „in so großer Pein seine Ketten nicht mehr erträgt“. Schon sind wir mittendrin im Thema. Georg Friedrich Händel und der Venezianer Antonio Caldara führen uns mit barocken Solokantaten zu dem hoch emotionalen und immer wieder auch hoch dramatischen Konflikt der amourösen Annäherung, einem Konflikt zwischen Selbstbehauptung und Ausgeliefertsein, Nähe und Distanz, Zurückhaltung und Überwältigung. Andreas Scholl, Grandseigneur der Countertenöre, tritt in einen hochexpressiven Dialog mit den Flöten, welche die Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger ebenfalls singen lässt. Hinzu kommen Instrumentalwerke von Bach und Arcangelo Corelli. Ein hochaktueller Beitrag der Alten Musik zu einem zeitlos herzzerreißenden Thema, das eine frühe Hochzeitskantate Telemanns mit einem sehr eigenen Fazit beschließt: „Freiheit soll die Losung sein.“

Schwetzinger SWR Festspiele 2026 – vom 24.4. bis 23.5.2026
„Haltung“ ist das Motto der Schwetzinger SWR Festspiele 2026. Vom 24. April bis zum 23. Mai 2026 schlägt das Programm einen Bogen von Monteverdi bis heute, präsentiert in Opern und Konzerten hochkarätige Interpret:innen.
Alle Infos finden Sie unter: http://www.schwetzinger-swr-festspiele.de
Residenzkünstlerin Dorothee Oberlinger
© SWR/Johannes Ritter, honorarfrei – Verwendung gemäß der AGB im Rahmen einer engen, unternehmensbezogenen Berichterstattung im SWR-Zusammenhang bei Nennung „Bild: SWR/Johannes Ritter“ (S2), SWR Presse/Bildkommunikation, Baden-Baden, Tel: 07221/929-24429, foto@swr.de

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Enge verbunden mit den Deutsch-Polnischen Nachrichten ist unser Autor Andreas Sturm

