
Berlin. In der Ausstellung „Spandau Prison“ gibt es immer wieder Neues und historisch Interessantes zu entdecken, auch bei der Recherche.
Von Frank Bürger
Nicht unweit der Melanchthonkirche befand sich in Spandau das weltbekannte Kriegsverbrechergefängnis. Die Zitadelle beschäftigt sich weiter mit dem „Spandau Prison“

Kaum etwas erinnert in der Spandauer Wilhelmstadt an das Gefängnis, das hier einst stand. Heute befinden sich hier ein Parkplatz und ein Kaufland.
Am 18. Juli 1947 landete eine Dakota auf dem Flugplatz von Berlin-Gatow in den Strahlen einer späten Nachmittagssonne. Als die Maschine ausgerollt war, hielt neben ihr ein Bus der Royal Air Force aus gewelltem Stahlblech und mit vergitterten Fenstern.
Aus dem Flugzeug stiegen sieben Männer, jeder mit Handschellen an einen US-Soldaten gefesselt: die künftigen Insassen des alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnisses in Spandau.
Baldur von Schirach, der 40 Jahre alte Nazi-Jugendführer, kletterte in den Bus. Ein schlanker Mann, der die Häftlingsnummer 1 hatte. Er war vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.
Neben ihm nahm Karl Dönitz Platz, 55 Jahre alt, einst Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Mit ausdruckslosem Gesicht wartete Dönitz auf die Abfahrt. Er war Nummer 2. Sein Urteil: zehn Jahre. Konstantin Freiherr von Neurath, 74 Jahre alt, jeder Zoll ein Berufsdiplomat, früherer Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, war Nummer 3. Er hatte 15 Jahre bekommen.
Erich Raeder, 71, ehemaliger Großadmiral, hatte wenig für seinen ehemaligen Marinekameraden übrig. Er sollte in Spandau unter der Nummer 4 registriert werden, und zwar lebenslänglich. Albert Speer, 42, ein ordentlich und sportlich aussehender Mann, war Hitlers Architekt gewesen und dann Rüstungsminister. Ihn erwarteten 20 Jahre Haft in Spandau. Er trug die Nummer 5. Walther Funk, der 56 Jahre alte ehemalige Reichsbankpräsident (Urteil: lebenslänglich), bestieg den Bus und kauerte sich wie gewöhnlich zu einem runden, unordentlichen Knäuel zusammen. Er lief unter der Nummer 6.
Endlich kam der Umstrittenste der sieben: Rudolf Heß, 53 Jahre alt, ehemaliger Stellvertreter des Führers und Reichsminister. Seine gehetzten Augen wanderten über Flugplatz und Bus. Sein Mund war mürrisch verkniffen. Nichts war mehr von dem zukunftsfrohen Mann, der noch während des Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg Botschaften an das deutsche Volk verfaßt hatte, zu spüren. Er sei schizophren, behaupteten die Ärzte. Er wurde jetzt als Nummer 7 geführt.
© 1974 Deschverlag, München.
Albert Speer und Rudolf Heß verbrachten nach den Nürnberger Prozessen Jahrzehnte gemeinsam im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Die Gartenarbeit war dabei ein zentraler Bestandteil ihres Gefängnisalltags und diente sowohl der Beschäftigung als auch der psychischen Bewältigung der Haft.
Albert Speer hatte seine Zeit im Spandauer Gefängnis die Haftzeit zum Abfassen von Tagebüchern, Erinnerungen und Buchmanuskripten genutzt. Die heimlich angefertigten Niederschriften wurden mit Hilfe von bestechlichen Wächtern und Pflegern nach draußen geschmuggelt. Die Veröffentlichung seiner Rechtfertigungsbücher war durch Wolters möglich, der die Zettel treulich gesammelt hatte. Sein „Spandauer Tagebuch“ und die „Erinnerungen“, aber auch gut bezahlte Artikelserien und Interviews machten Speer zu einem wohlhabenden Mann und trugen zur Legende bei, er habe von Hitlers Verbrechen nichts gewusst und sei nur ein unpolitischer Technokrat gewesen.
Als Albert Speer und der ehemalige Reichsjugendführer Baldur von Schirach am 1. Oktober 1966 inter großer Medienbeteiligung entlassen wurden, blieb als Einziger der frühere Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß noch in Haft. Der war in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt worden, die er am 17. August 1987 durch Selbstmord beendete. Einzelheiten des Suizids sind nicht geklärt, Neonazis deklarieren das Ende ihres Idols als Mord. „Es war mir vergönnt, viele Jahre meines Lebens unter dem größten Sohne zu wirken, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervor gebracht hat“, erklärte Heß, unbelehrbar und uneinsichtig, wie er war, in seinem Nürnberger Schlusswort mit Blick auf Hitler. Dieser war in Rage geraten, als er von Heß‘ spektakulären „Friedensflug“ am 10. Mai 1941 nach England hörte. Sofort ließ er Personen aus der engen Umgebung seines für verrückt und zur Unperson erklärten Stellvertreters ihrer Posten entheben und als angebliche Komplizen verhaften.
Quelle: http://helmutcaspar.de/

Die Deutsch-Polnischen Nachrichten verfolgten Speers Weg nach Heidelberg.
Nachdem am 23. Mai dann auch die letzte Reichsregierung im Sonderbereich Mürwik verhaftet worden war, wurden Karl Dönitz, Albert Speer und Alfred Jodl in den Freigängerhof des Polizeipräsidiums Flensburg gebracht, wo die internationale Presse Fotos machen durfte.
Nach der vollständigen Verbüßung seiner Strafe am 1. Oktober 1956 lebte so Karl Dönitz, 1945 der Nachfolger Adolf Hitlers, bei Hamburg.
Noch interessanter das Schicksal von Albert Speer, der nach Heidelberg und Schwetzingen führt.
Speers „Spandauer Tagebücher“ dokumentieren die Zeit im Gefängnis. Speer lebte nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Spandau 1966 überwiegend in der Heidelberger Villa, die sein Vater im Jahre 1905 erbaut hatte und die sich auch in den 1960er Jahren noch im Familienbesitz befand. Natürlich ist davon bei einer Fahrt durch den Weg nichts von der Straße aus zu sehen. Der Weg zum Schloss ist nicht weit.
Recherchen haben ergeben, dass es renommierte Anwohner am Schloss gibt.

In der Ausstellung „Spandau Prison“ auf der Zitadelle Spandau sind ab sofort und noch bis zum 17.5.2026 Dinge zu sehen, die es eigentlich nicht geben dürfte: Private Besitztümer von Rudolf Hess, Gebrauchsgegenstände sowie heimlich fotografierte Innenaufnahmen aus dem Kriegsverbrechergefängnis werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Nach dem Suizid von Rudolf Hess 1987 wurde das Kriegsverbrechergefängnis dem Erdboden gleichgemacht, um einen (Neo-) Nazi-Wallfahrtsort zu verhindern. Auch persönliche Gegenstände des letzten Insassen sollten möglichst vernichtet oder ausschließlich der Familie übergeben werden. Doch ist der Handel mit Relikten des Alliiertengefängnisses seit Jahrzehnten ungebrochen. So konnte das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden vor einiger Zeit ein Konvolut von nun nachgewiesenermaßen originalen Gegenständen übernehmen.
Nach historischer Recherche und restauratorischer Bearbeitung durch das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden bzw. der Außenstelle Flugplatz Berlin-Gatow werden die Objekte auf der Zitadelle Spandau nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Besucherinnen und Besucher gebeten, ihre Meinung mitzuteilen: Sind diese Objekte historisch wichtig und sollen ausgestellt werden – oder nicht?
Folgende Objekte sind ab sofort in „Spandau Prison“ zu sehen:
Ein Besteckset – bestehend aus Messer, Gabel, Löffel, Teelöffel und einem Fischmesser – ist aus deutscher Produktion. Vorne ist eingeprägt „All. Gef.“ für Alliierten Gefängnis, hinten „Anemone / rostfrei /stainless / нержавеющий /Germany /Alemania“.
Die braune Schürze aus Wachstuch trug Hess vermutlich zur Gartenarbeit, solange er sich damit noch beschäftigen konnte. In den letzten Jahren seines Lebens nutzte er den Garten nur noch für Spaziergänge.
Während ihrer Gefangenschaft waren den Kriegsverbrechern diverse Annehmlichkeiten erlaubt, so etwa das Lesen und der Besitz von Büchern. Die Signatur außen „HE“ bedeutet, dass diese Bücher Privatbesitz von Hess waren. Innen ist neben seinem Namenszug immer der Stempel „Spandau Allied Prison“ zu finden. Die hier ausgestellten Bücher stammen zum großen Teil aus der Zeit, als Hess nach seinem „Englandflug“ in den 1940er Jahren in britischer Gefangenschaft war.
Zusätzlich zu den Hess-Objekten werden eine OP-Haube und ein benutztes Patientenhemd gezeigt, Stempel weisen sie als Bestand der Krankenstation im „Spandau Prison“ aus.
Zu dem Konvolut, das nun im Besitz des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr ist, gehören eine Reihe von äußerst seltenen Innenaufnahmen. Der Fotograf war ein US-amerikanischer Gefängniswärter namens Mark G. Pikl. Insbesondere an den verwackelten Bildern ist zu erkennen, dass die Fotos unerlaubt und heimlich entstanden sind.
In der Ausstellung „Spandau Prison“ sind nun erstmalig Fotos von der Bibliothek, Gefängnisgängen und dem eigens für Rudolf Hess errichteten Gartenhaus zu sehen. In diesem Gartenhaus erhängte sich Rudolf Hess mit Hilfe eines Verlängerungskabels am 29. Juni 1987.
Informationen auf einen Blick:
Name der Ausstellung: Spandau Prison. 1877 – 1987
Laufzeit der Ausstellung: 15.8.2025 – 17.05.2026
Ort: Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, 13599 Berlin-Spandau
Quelle: Bezirksamt Spandau
