Künstlerische Note mit Reichweite

Foto: Tatjana Worm

Berlin. Die Schwetzinger Marienkirche ist historisch sehr interessant. Dazu zählt auch das Mosaikkreuz. Der Weg führt über Otto Eberhardt nach Potsdam und Köln.

Es war zur Beerdigung meiner Mutter in der Schwetzinger Gaststätte Ritter. Ich kam mit einem Familienmitglied ins Gespräch über seine Weg. Wir kamen auf den Namen Georg Kehren. Er besuchte wie ich das Schwetzinger Hebelgymnasium. Bei einem Gespräch im Potsdamer Hans-Otto-Theater schwärmte er von dem Lehrer Otto Eberhardt. Noch gerne erinnere ich mich an die Proben der Theater-AG. Nun führten mich über mein Buch zu Albert Schweitzer zu den Frauen Tatjana Worm-Sawosskaja und Tatjana Worm, die zu gern verwechselte.

„Nach dem Tod des Schwetzinger Kunstmalers Otto Eberhardt gelangte sein Archiv in meine Hände. In seinen Tagebüchern, die er als Elfjähriger ab 1942 über acht Jahre führte, entdeckte ich mit Staunen: Seine Kindheit verlief im Spannungsfeld zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus.

Der Vater, NSDAP-Mitglied, Wehrmachtsoffizier, versuchte den Sohn im Geist der Ideologie zu formen. Die Mutter hingegen hüllte Otto in den katholischen Glauben, um ihn vor diesem Einfluss zu schützen. Sie führte ihn in die Welt der Künste: Malerei, Klavier, Puppentheater. Otto baute Bühnen, schrieb Szenarien und spielte in Schulen, Kirchen, öffentlich. Kunst wurde sein Schutzraum gegen die Härte der Zeit – gegen Hitlerjugend und militärische Disziplin.

Nach dem Krieg wollte der fünfzehnjährige Otto Priester werden. In der Familie mütterlicherseits gab es viele Vorbilder. Über seine Cousine Elisabeth erfuhr ich die Geschichte ihrer Liebe zu Karl Leisner, einem Theologiestudenten. Beide entschieden sich, auf ihr persönliches Glück zu verzichten und ihr Leben Gott zu widmen.

1939 wurde Karl, aktiv in der katholischen Jugendbewegung, von der Gestapo verhaftet. Es folgten fast sechs Jahre Haft – Gefängnisse, dann Sachsenhausen und Dachau. Dort, schwer an Tuberkulose erkrankt, hatte er nur noch einen Wunsch: als Diakon zum Priester geweiht zu werden.

Dass dies gelang, grenzt an ein Wunder. Als der französische Bischof Gabriel Piguet ins Lager eingeliefert wurde, kam es nach abenteuerlichen Vorbereitungen zu einem einzigartigen Ereignis: Inmitten von Terror und Entmenschlichung wurde Karl Leisner am dritten Adventssonntag 1944 in der Häftlingskapelle von Dachau zum Priester geweiht.

Zu schwach, um auf dem Boden zu liegen, kniete er vor dem Bischof, beugte sich über einen Stuhl. Sacerdotem oportet offere – der Priester muss opfern. In seinem Fall auch: offeri – geopfert werden.

Zehn Tage später feierte Karl seine einzige Messe. Sie war still, denn er konnte nicht mehr singen. Der Atem versagte ihm. Nach der Befreiung Dachaus wurde er in ein Sanatorium gebracht, wo er wenige Monate später starb.

Dachau war das einzige Konzentrationslager, in dem Geistliche aller Konfessionen systematisch zusammengeführt wurden. Es gab eigene Priesterblöcke, durch Stacheldraht abgetrennt, in denen über 96 Prozent der Inhaftierten katholische Priester waren.

Als ich Dachau besuchte, fand ich davon kaum eine Spur. Kein Wort über die Priesterblöcke, über diese „Spezialisierung“ des Lagers. Noch verstörender war der Spott des Reiseführers vor der katholischen Todesangstkapelle: „Diese Katholiken mit ihrer Gigantomanie …“

Dabei ist diese Kapelle schlicht. Ziegelmauern bilden einen Halbkreis, der sich himmelwärts spannt. Über dem Altar ein Holzkreuz. Am Eingang die Widmung: „Zum Gedenken an die Leiden ALLER Häftlinge von Dachau.“

Keine Trennung nach Nationen, Religionen, Symbolen. Gelber Stern, rotes Dreieck, lila Winkel – hier verlieren sie ihre Macht. Die Kapelle steht quer zum Weg der Hinrichtungen, wie ein Schutzbogen über dem Pfad der Gequälten. Sie scheint zu sagen: Ihr seid Menschen. Mehr noch: Sieger – trotz eurer Ketten.

Was soll daran verwerflich sein? Ich bin für Kritik an der katholischen Kirche. Aber wenn sie einseitig wird, wenn nur Missstände benannt und Mut, Widerstand und Menschlichkeit verschwiegen werden, dann fordert mich das heraus.

Zölibat? Er macht unabhängiger. Wer keine Familie zu verlieren hat, ist schwerer zu erpressen. Frauen im Gottesdienst? Als Seelsorgerinnen sehr wohl. Es ist keine Abwertung, sondern eine andere Dienstteilung. Der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde? Oder steht er – wie ein Gotteskind unter Gotteskindern – mit ihr gemeinsam vor Gott. Latein? Unverständlich – und doch Träger einer jahrhundertealten Klangmagie, verbunden mit gregorianischen Chorälen, denen selbst Forscher heilende Wirkung zuschreiben.

Der Katholizismus leistete dem NS-Regime Widerstand. Fronleichnamsprozessionen wurden trotz Verbots durchgeführt. Man nannte die Kirche den „dritten Frontabschnitt“. Hitler sprach von der „schwarzen Internationale“. Ein Priester erzählte mir: Die Nazis fürchteten die Mystik des Katholizismus. An katholischen Kirchen wehten keine Hakenkreuzfahnen.

Diese Gedanken führten mich zu einem Musiktheaterstück über Karl Leisner: „Sieger in Ketten“. 2024 wurde es in der katholischen Kirche St. Sebastian in Ketsch uraufgeführt. Die Resonanz war überwältigend. In einer kleineren Fassung entstand daraus „Ave Elisabeth“ – ein poetisch-musikalisches Requiem, das am 28.02.26 in Ferdinand-Schmid-Haus in Ketsch um 18:00 uraufgeführt wurde.

Ich möchte, dass die Stimmen der Verstorbenen wieder hörbar werden. Dass diese Geschichte nicht vergessen wird. Und dass der Katholizismus kritisiert – aber nicht verflucht wird.

Und Otto? Er stand vor der Frage: „Pinsel oder Kreuz?“ Er entschied sich für den Pinsel, der das Kreuz malt.

Otto Eberhardt wurde Lehrer, gründete eine Theater-AG, malte. Eines seiner Mosaikkreuze hängt heute in der Kapelle der Kirche Sankt Maria in Schwetzingen – dort, wohin vielleicht eines Tages „Sieger in Ketten“ zurückkehren wird.

Die Wahrheit hat viele Seiten. Und manchmal braucht sie Kunst, um sichtbar zu werden.“

Quelle: Tatjana Worm

Die Welt ist klein. Über den Förderkreis des Hans-O gab es dort die Aufführung des Stückes „Mit Tötungsdelikten ist zu rechnen“. Mit beteiligt die Wegbegleiter Kevin Müller und Lothar Priewe, das wir auch in der Weihnachtskirche 2024 präsentiert haben.

Die nächste Begegnung mit Georg Kehren gab es über meinen Cousin Rolf Ueltzhöffer in Köln. Inzwischen ist Georg Kehren zurück an alter Wirkungsstätte und dort als Referent für Sonderaufgaben tätig.

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