Friedensglocke in Griechenland

Pfarrer Helmut Kautz (rechts) mit Generalsuperintendent Kristóf Bálint. Foto: Frank Bürger

Berlin. Der Friedensglocken-Pferdetreck erreicht Griechenland, ein Exklusivinterview mit Pfarrer Helmut Kautz, einer der Initiatoren. Ein Blick nach Israel unterstreichen die Bedeutung der Friedensbotschaft.

Von Frank Bürger

Was sind die Ziele des Friedenstrecks?

Die Mission des Friedensglocken-Trecks basiert auf einem tiefgreifenden symbolischen Akt: dem Transport einer mit Militärschrott gegossenen Friedensglocke, die die biblische Inschrift „Jaget dem Frieden nach mit jedermann“ trägt. Dieses Kernstück des Projekts stellt einen bewussten Kontrast zur historischen Praxis im Zweiten Weltkrieg dar, als Kirchenglocken für die Munitionsproduktion eingeschmolzen wurden. Die Glocke transformiert somit Material des Krieges in ein Instrument der Versöhnung.
Die ursprünglich konzipierte Mission umfasste eine Strecke von über 4.800 Kilometern durch elf Länder, beginnend in Brück (Potsdam-Mittelmark).Die  feierliche Sendung des Trecks fand am 8. Mai 2025 vor dem Brandenburger Tor in Berlin statt.  Zu Beginn bestand die Reisegruppe aus sechs Kutschen, 30 Teilnehmern und 20 Pferden, unterstützt durch die Schirmherrschaft des Brandenburger Ministerpräsidenten Dietmar Woidke.  Ziel dieser anspruchsvollen Reise ist es, durch persönlichen Dialog Brücken in ganz Europa zu bauen.

Was ist für die Ankunft in Jerusalem geplant?

Die Friedensglocke ist für die „Hand in Hand Schule“ in Jerusalem bestimmt. Diese Einrichtung ist einzigartig, da sie aktiv Miteinander schafft, indem sie Kinder jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens vereint, die gemeinsam von hebräisch und arabisch sprechenden Lehrern unterrichtet werden. Die Übergabe der Glocke an diesen Ort ist ein bewusstes Zeichen für den gelebten Frieden.
Es hat sich gezeigt, dass die Mission eine psychologisch heilende Wirkung entfaltet, die über den makropolitischen Friedensappell hinausgeht. Die Erfahrung, Material des Krieges in ein Friedenssymbol zu überführen, korrespondiert mit der Friedenssehnsucht der Teilnehmer. Beispielsweise hat sich für einen Restaurantbetreiber und Bundeswehr-Veteranen, der durch Auslandseinsätze geprägt war, die gesamte Reise als ein persönlicher „Heilungsweg“ erwiesen. Dies unterstreicht die Rolle des Trecks als authentisches Projekt der Seelsorge und verleiht ihm eine tiefe menschliche Dimension.
Die gewählte Route über Ost- und Südosteuropa (Deutschland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien)  baut auf den Erfahrungen früherer „Ost-West-Trecks“ des Vereins auf. Die Mission nutzt die Reise nach Jerusalem strategisch, um die europäische Einheit und Versöhnung zwischen Ost und West zu stärken. Die offizielle positive Resonanz, die der Treck in Ländern wie Ungarn und Tschechien erfuhr, bestätigt den Erfolg dieser Brückenfunktion.

Was waren die bisherigen Höhepunkte der Reise?

Die ersten 3.000 Kilometer der Reise waren von herausragender öffentlicher Anerkennung und breiter medialer Begleitung gekennzeichnet.

Die Reise war gespickt mit Momenten des nationalen und internationalen Begegnung. In Deutschland manifestierte sich die Wertschätzung durch den Empfang des Trecks in der Staatskanzlei Brandenburgs durch Ministerpräsident Dietmar Woidke und die feierliche Verabschiedung vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Auf internationaler Ebene zeugten die Reaktionen von einer starken Verbundenheit mit der Friedensbotschaft:
●       In Österreich wurde dem Treck der „Segen vor dem Wiener Stephansdom“ erteilt.
●       Ein politisch bemerkenswerter Höhepunkt war der Empfang der Friedensglocke im ungarischen Parlament, der unter einer Atmosphäre „großen Wohlwollens und festlicher Atmosphäre“ stattfand.
●       Auf operativer Ebene stellte die Überschreitung der 3.000-Kilometer-Marke  einen bedeutenden Meilenstein dar, der die Ausdauer und logistische Meisterschaft des Kernteams bezeugte, das eine durchschnittliche Tagesleistung von etwa 25 Kilometern erbrachte.

Wie kommt der Treck bei der Bevölkerung an?

Die Resonanz in den durchquerten Ländern war überwiegend positiv und emotional unterstützend, sowohl auf offizieller Ebene als auch in der direkten Begegnung mit den Menschen.
Der Treck zog signifikante mediale Aufmerksamkeit auf sich, was auf die hohe gesellschaftliche Relevanz des Projekts hindeutet. Dazu gehörten Live-Berichte im Mittagsmagazin von ARD/ZDF sowie Berichte des MDR-Kultur in Deutschland. Auch in Südosteuropa wurde berichtet, beispielsweise durch das Radio Kardzhali in Bulgarien.
Auf lokaler Ebene wurden die Kernziele des Vereins – der Aufbau von Brücken durch Begegnung – erfolgreich umgesetzt. Dies beinhaltete geplante Dialogveranstaltungen mit interessierten Bürgern  und inspirierende Interaktionen mit der jüngeren Generation, etwa mit Schülern aus Caputh und der Ludwig-Achim-von-Arnim-Grundschule in Werbig, die Zeichnungen als Unterstützung für den Weg sandten. Pressemitteilungen, die die Ankunft in Tschechien als „Reise der Versöhnung und des Friedens“ und die Durchfahrt in Rumänien als „Botschaft des Friedens“ bezeichneten, verdeutlichen die positive Verankerung der Dialogbotschaft. Der konfessionsunabhängige Verein erhielt zudem breite spirituelle Unterstützung, unter anderem durch die Teilnahme am Europäischen Friedensläuten in Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden.
Die außerordentlich positiven Empfänge, insbesondere in den Parlamenten und Staatskanzleien Mittel- und Osteuropas, sind ein starker Indikator für eine tiefe gesellschaftliche und politische Sehnsucht nach symbolischen Friedensaktionen. Der Treck dient in der aktuellen geopolitischen Lage als ein wichtiges Ventil für diese kollektive Friedenssehnsucht.

An der türkischen Grenze gab es Probleme?

Die Überquerung des Bosporus und die Durchfahrt Kleinasiens stellten die geplante Route vor unüberwindbare Hindernisse, die eine sofortige logistische Neuausrichtung erforderten.

ie ursprünglich geplante Landroute über die Türkei musste aufgegeben werden, nachdem dem Friedenstreck im September 2025 die Einreise in die Türkei verweigert wurde. Die daraus resultierende Wartezeit an der Grenzstation Kapikule  führte zu einem vierwöchigen Stillstand in Bulgarien.
Die offizielle Begründung für die Einreiseverweigerung war die bürokratische Hürde des Fehlens von Stempeln für die Pferde. Diese trivial erscheinende Begründung muss im Kontext der regionalen Geopolitik interpretiert werden. Die Verweigerung der Einreise in ein politisch heikles Gebiet für ein Projekt, das einen direkten Bezug zu Israel hat und Militärschrott transportiert, deutet darauf hin, dass die bürokratische Hürde als politisches Instrument eingesetzt wurde. Die türkische Regierung zog es vor, das logistische und politische Risiko eines solchen symbolträchtigen Friedensprojekts auf ihrem Staatsgebiet zu vermeiden.

Welcher Weg liegt nun vor Ihnen?

Aufgrund der Zäsur an der türkischen Grenze wurde eine schnelle, multimodale Alternativroute entwickelt.
Der Treck wurde über Griechenland umgeleitet und erreichte Pandrosos. Die Reise wird in den kommenden Tagen bis nach Thessaloniki fortgesetzt.
Von Thessaloniki aus beginnt die logistisch anspruchsvollste, finale Etappe. Der Treck (wahrscheinlich ohne Pferde) werden per Schiff in den Hafen Haifa (Israel) transportiert. Die Notwendigkeit, den Seeweg zu nutzen, hat zu einer unerwartet positiven operativen Wendung geführt. Die schnelle und effiziente multimodale Lösung (Seeweg) hat die zeitlichen Verluste des vierwöchigen Stillstands und des Umwegs über Griechenland mehr als kompensiert.
Von Haifa aus wird der Treck die letzten Kilometer über Land nach Jerusalem zurücklegen, um die Mission im ursprünglichen Geist des Pferdetrecks zu vollenden. Wahrscheinlich werden wir in Israel Pferde besorgen und vor unsere Wagen spannen. Die Routendetails für die finale Strecke innerhalb Israels werden derzeit abgeschlossen.

Wann erreichen Sie voraussichtlich Jerusalem?

Trotz des ungeplanten Umwegs und der Verzögerung an der bulgarisch-türkischen Grenze wird Jerusalem voraussichtlich am 13. November 2025 erreicht. Dies stellt eine Vorverlegung des ursprünglichen Zieldatums (25. Dezember 2025, Weihnachten) um über sechs Wochen dar.

Was ist dann für Jerusalem geplant?

Das zentrale Ereignis in Jerusalem ist die feierliche Übergabe der Glocke am 13. November 2025. Darüber hinaus sind intensive Begegnungen und Dialogveranstaltungen geplant, um die Mission nachhaltig in der Region zu verankern. Das Ziel ist es, die Botschaft des „Miteinanders verschiedener Völker und Religionen“  aktiv zu verbreiten. Die Zeremonie wird bewusst alle Glaubensgemeinschaften und Akteure der Zivilgesellschaft der Stadt einbeziehen.
Die frühere Ankunft und Übergabe im November, anstatt zur Weihnachtszeit, erhöht die Sichtbarkeit und die politische Relevanz des Friedenszeichens erheblich. Da die „Hand in Hand Schule“ explizit Partnerschaft und Gleichheit zwischen jüdischen und arabischen Bürgern Israels fördert, dient die Übergabe im November als dringlicher Fokuspunkt für die internationale Gemeinschaft und sendet eine kraftvolle Botschaft in die Region, die von anhaltenden Spannungen geprägt ist.

Was passiert mit der Friedensglocke?

Die Friedensglocke wird dauerhaft an die „Hand in Hand Schule“ in Jerusalem übergeben. Ihre dauerhafte Platzierung dient als physischer Beweis und fortwährendes pädagogisches Instrument, das demonstriert, wie Materialien des Krieges (Militärschrott, Patronenhülsen) in Werkzeuge des Friedens und der Versöhnung umgewandelt werden können.  Sie wird somit integraler Bestandteil des Bildungsauftrags der Schule.

Reichen Ihre Pläne über die Auskunft in Jerusalem hinaus?

Die Pläne reichen definitiv über die Übergabezeremonie in Jerusalem hinaus und umfassen sowohl die logistische Rückführung als auch die strategische Weiterentwicklung der Friedensarbeit.
1. Sicherung und Dokumentation des Vermächtnisses:
Nach der Übergabe müssen die Heimreise von Mannschaft, Pferden und Kutschen organisiert werden. Parallel dazu wird die umfassende Dokumentation des Trecks fortgesetzt. Es sind bereits Pläne für eine Buchpublikation in Arbeit, die die vielfältigen Erfahrungen und Erkenntnisse der Mission festhalten soll. Diese Dokumentation dient der historischen Verankerung der Mission und macht das erfolgreiche Modell des bürgerschaftlichen Dialogs zugänglich.
2. Kontinuität und zukünftige Missionen:
Der Friedensglockenverein ist als Träger fortlaufender Friedensarbeit konzipiert, was durch die Chronologie seiner früheren Projekte belegt wird. Das erfolgreiche Grundkonzept des Pferdetrecks, das durch die Langsamkeit der Fortbewegung den Aufbau von Brücken durch persönlichen Dialog ermöglicht, soll für zukünftige Missionen beibehalten und weiterentwickelt werden. Der Fokus liegt weiterhin auf dem Brückenbau im interkulturellen und interreligiösen Kontext, aufbauend auf den Netzwerken, die in Jerusalem und entlang der Route geknüpft wurden.
Die erfolgreiche Durchführung des Trecks 2025, trotz der logistischen Zäsur an der türkischen Grenze, etabliert die Marke „Friedenstreck“ als ein tragfähiges und hoch sichtbares Modell für zivile Friedensdiplomatie. Die langfristige Strategie erfordert die Nutzung dieser nachgewiesenen Erfolge zur Sicherung der finanziellen Nachhaltigkeit und zur Inspiration und Schulung neuer Teilnehmer.
3. Lehren aus der Logistik:
Die Erfahrung an der türkischen Grenze, die zu einem erzwungenen, aber erfolgreichen Ad-hoc-Seetransport führte, ist eine wichtige strategische Lehre. Für zukünftige, global operierende Trecks ist es unerlässlich, von vornherein eine multimodale Logistikkonzeption zu entwickeln. Diese muss geografische und politische Barrieren (einschließlich See- und Flugtransporte) als planbare Optionen einschließen, um die Abhängigkeit von einzelnen, potenziell instabilen Landkorridoren zu reduzieren und die Missionserfüllung von politischen Unwägbarkeiten zu isolieren. Dies erhöht die Resilienz des Projekts signifikant.

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Inzwischen ist klar: Wagen und Glocke werden ohne Pferde nach Israel übergesetzt werden. „Alles andere müssen wir uns in Israel besorgen, was nicht so einfach ist“, so Helmut Kautz. Er freut sich im Blick auf die Mission auch über die Befreiung der Geiseln und den augenblicklichen Friedensprozess.

Vereinbarung über Waffenruhe

Die Vereinbarung zwischen Israel und der islamistischen Hamas über eine Waffenruhe im Gazastreifen ist von den Vermittlerstaaten bei einer Zeremonie in Ägypten formell besiegelt worden. US-Präsident Donald Trump unterzeichnete die Gaza-Erklärung gemeinsam mit Katars Emit Al Thani, dem türkischen Präsidenten Erdogan und Ägyptens Präsident al-Sisi.

Bis zu einem dauerhaften Waffenstillstand gibt es aber weiter höhere Hürden. Über die Details muss nun in einer zweiten Phase im Rahmen von Trumps Friedensplan für den Gazastreifen verhandelt werden. Trump zufolge liefen die Gespräche darüber bereits und Phase Zwei habe schon begonnen.

Quelle: ZDF, 13. Oktober 2025

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