„Born to be wilde“

Berlin. Wer sich intensiv und tiefgründig mit Oscar Wilde beschäftigen will, dem sei die Lektüre „Born to be wilde“ aus der Feder des Schriftstellers und Politikers Andreas Sturm empfohlen.

Von Frank Bürger

Es war am 14. Oktober 2019. Familie Bürger war unterwegs auf dem Friedhof der Berühmtheiten. Der Friedhof Pére Lachaise in Paris ist der meistbesuchte Friedhof der Welt. Er ist die letzte Ruhestätte von Berühmtheiten wie Édith Piaf, Frédéric Chopin, Victor Noir und Molière ist. Es ist ein Friedhof mit Status, exzentrischen Gräbern und Mausoleen. Hier liegt auch das Grab des exzentrischen Schriftstellers Oscar Wilde.

Zu den Autoren der Deutsch-Polnischen Nachrichten gehören der badische Landtagsabgeordnete Andreas Sturm und der inzwischen emeritierte Hochschulprofessor Frank Thissen.

Treffen im Schwetzinger Cafe Utz

Sowohl Sturm als auch Thissen haben sich intensiv mit Oscar Wilde beschäftigt. Das ist im neuen Buch von Andreas Sturm zu spüren. Das Buch „Born to be wilde“ eröffnet ein Vorwort von Frank Thissen, Herausgeber der „Oscar Wilde Aphorismen“.

„Oscar Wilde war in seinem Denken seiner Zeit weit voraus und ist deshalb noch heute sehr aktuell. Seine Vision einer Gesellschaft, die positive Utopien realisiert, seine Erkenntnistheorie, die positive Utopien realisiert, seine Erkenntnistheorie, die heute von Hirnforschern bestätigt wird, seine Verehrung der Kunst mit dem Anspruch, Menschen humaner werden zu lassen, und sein verspielter, ironischer aufdeckender Umgang mit Missständen, sind hochaktuell“, so Thissen.

Thissens Plattform „Menschen in Karlsruhe“ unterstreichen sein Interesse am Menschen und dem Blick hinter die Fassade des Äußeren.

Basierend auf seiner Auseinandersetzung mit William Shakespeare literarischer Welt, verbunden mit seinem europäischen Gedanken, taucht Sturm mit Kompetenz und Sachverstand in die Welt eines wilden Charakters ein.

Oskar Wilde als wahrer Dandy. In den Fokus kommt der Vergleich mit dem Modezar Karl Lagerfeld

„Hinter der dunklen Sonnenbrille, dem eleganten Anzug und der makellosen Frisur – hinter der internationalen Modeikone – verbarg sich Karl Lagerfeld als unglaublicher Mensch. Außergewöhnlich scharfsinnig. Belesen und ein brillanter Geschichtenerzähler. Seine Freunde kannten ihn als authentisch, großzügig und freundlich. Und, für viele überraschend, besaß er einen beißenden Humor. Karls scharfe Zunge konnte mit perfektem Timing einen geistreichen Spruch liefern; er versprach stets, ein unterhaltsamer Gesprächspartner zu sein. Obwohl die öffentliche Wahrnehmung von ihm ein sorgfältig gepflegtes Bild war, steckte hinter ihm viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht …“, so wird er auf der Lagerfeld-Homepage beschrieben .

Was ist noch zentral für Oscar Wilde. Bekannt und Lesestoff für viele „Englisch-Stunden“ in der Schule. „The Canterville Ghost“ Sturm bleibt nicht an der Oberfläche. Denn auch in diesem Werk zeigt sich, dass sich Oscar Wilde minutiös mit den antiken Philosophen wie Platon und Aristoteles auseinandergesetzt hat.

Was ist da noch…“The Picture of Dorian Gray. Es ist der einzige Roman des Schriftstellers. Themen sind die Moralität von Sinnlichkeit und Hedonismus im Viktorianismus und die Dekadenz der englischen Oberschicht. 

Wilde stellte seinem Roman ein Vorwort aus ästhetischen Aphorismen voran. „So etwas wie ein moralisches oder ein unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles. (…) Das moralische Leben gehört zum Gegenstand des Künstlers, doch die Moralität der Kunst besteht im vollkommenen Gebrauch eines unvollkommenen Mediums“, schreibt er im Vorwort. Der sogenannte Ästhetizismus spielt in Sturms Buch eine wichtige Rolle

Ins Auge fällt auch der musikalisch-theologische Aspekt. Wilde und Sturm greifen das biblische Thema der Salome auf. Der Einakter Salome (französisch Salomé) von Oscar Wilde gilt als eines der wichtigsten Dramen der anglo-französischen Décadence.

Skandalumwittert wie das Leben Wildes die Aufnahme des Stoffs durch den Komponisten Richard Strauß. Richard Strauss’ Oper Salome haftet (bis heute) der Ruf des Skandals an. Kein Wunder, immerhin wurde sie zeitweise zensiert und die Sopranistin der Uraufführung verweigerte zunächst ihre Teilnahme.

In Max Reinhardts Kleinem Theater beginnt am 15. November in wenigen Augenblicken die noch nicht öffentliche Uraufführung von Oscar Wildes Salome. Im Publikum sitzt Richard Strauss. Schon seit einiger Zeit ist er an dem skandalträchtigen Stoff der Salome interessiert, er kennt den Text und hat wohl schon die ersten Ideen, ihn in eine Oper umzusetzen. Es geht um Inzest, sexuelle Belästigung, Blasphemie, Gewalt, Mord, Nekrophilie. Seiner Salome wird der Ruf des Skandals vorauseilen und bis heute anhaften. Und dennoch – oder deswegen? – wird die Oper ein riesiger Triumph, der Richard Strauss zum internationalen Durchbruch verhelfen wird, zu Wohlstand und Reichtum.

Im Kleinen Theater hebt sich derweil der Vorhang. Strauss blickt auf die große Terrasse im Palast des Herodes, der ein Fest mit Ehefrau Herodias und Stieftochter Salome feiert, mit Ägyptern, Juden und Nazarenern. Als Salome nach draußen tritt – sie kann die Gäste nicht ausstehen, ebenso wenig die lüsternen Blicke ihres Stiefvaters – hört sie die Stimme eines Gefangenen aus der Zisterne. Es ist Jochanaan, Johannes der Täufer, der von Narraboth bewacht wird. Salome weiß um die Furcht ihres Stiefvaters vor diesem Propheten, der ihre Mutter der Sünde bezichtigt hat. Fasziniert von seiner Erscheinung und seiner »Schrecklichkeit« möchte Salome »ihn näher besehn«: »Sein Fleisch muss sehr kühl sein, kühl wie Elfenbein«. Da der Wächter Narraboth der schönen Salome zu Füßen liegt, ist es ihr ein Leichtes ihn zu überreden, das Gefängnis zu öffnen. 

Quelle: Berliner philharmoniker.

Wilde setzte sich viel mit der Musik von Richard Wagner und Frédéric Chopin auseinander, wie zwei Beispiele zeigen.

„Wagners Musik ziehe ich jeder anderen Musik vor. Sie ist so lärmend, daß man die ganze Zeit über sich laut unterhalten kann, ohne daß die anderen verstehen, was man sagt.“

Quelle: Wertheimer (Hg.), Weisheiten von Oscar Wilde, übersetzt von Paul Wertheimer, 1921 (EA: 1907)

„Nachdem ich Chopin gespielt hatte, fühlte ich mich, als müsse ich über Sünden weinen, die ich nie begangen hatte, und über Tragödien trauern, die nicht meine eigenen waren.“

Das Thema Sünde beschäftigt ihn bis zum Ende seines Lebens. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass Frédéric Chopin sein Grab auf dem oben genannten Friedhof hat.

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Das Grab von Chopin in Paris. Foto: Frank Bürger

 Oscar Wilde wurde 1895 wegen seiner homosexuellen Beziehungen zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt, nachdem er einen Verleumdungsprozess gegen den Vater seines Geliebten begonnen hatte, was sich gegen ihn wandte.

Sturm schildert ausführlich und empathisch, wie Wilde das Gefängnis zerstörte und auch die Zeit danach., auch die seiner Frau Constance.

Zweifellos waren Constance und Oscar grundverschieden. Doch Constance hielt auch nach der Verurteilung zu ihm; in eine Scheidung willigte sie trotz Anratens ihrer Verwandten nicht ein. Sie wandte sich erst von ihm ab, als er sein Versprechen brach und sich nach der Freilassung doch wieder mit seinem Geliebten Lord Alfred Douglas traf. Nur wenige Monate darauf starb Constance, erst vierzig Jahre alt, am 7. April 1898.

Ihre Spuren führen, wie Sturm betont, nachdem sie Wilde verlassen hatte, auch nach Heidelberg, wo sie wahrscheinlich psychische Betreuung suchte.

Ausgewählte Zitate Wilde runden den Inhalt ab.

Erwähnenswert die fantastischen Illustrationen von Dominik Göhlich, der ja auch in der Heidelberger Region kein Unbekannter ist.

Mit ihm führten die Deutsch-Polnischen Nachrichten ein Interview

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