
Berlin. Der Weg vom restaurierten Schloss Neuschwanstein zum grünen Hügel in Bayreuth ist kein weiter. Das zeigte auch der Auftakt mit den „Meistersingern von Nürnberg“.
Von Frank Bürger
Bundeskanzler Friedrich Merz, Altbundeskanzlerin Angela Merkel sind nur zwei der Prominenten, die sich beim Auftakt der Bayreuther Festspiele 2025 auf dem grünen Hügel trafen. Eine besondere Note: Die Altbundeskanzlerin durfte sich auf der historischen Bühne selbst miterleben. So wollte es Regisseur Matthias Davids. Er präsentiert Wagners „Meistersinger“ bei den Bayreuther Festspielen als humoristische Sommer-Revue. So urteilt Bernhard Neuhoff bei BR Klassik.
Zur Eröffnung der Wagner-Festspiele 2025 hat Katharina Wagner Matthias Davids beauftragt, die Meistersinger von Nürnberg, Wagners Satyrspiel, neu zu inszenieren. In seinem Interview mit dem Merkur führte Davids aus, was er lustig findet: „Das, was man in den Meistersingern findet, sind gewisse menschliche Unzulänglichkeiten, die Komik erzeugen.“
Dieser Ansatz war keine gute Idee. Zwar hat der Regisseur wohlweislich hinzugesetzt: „Ich will mich darüber aber nicht lustig machen, sondern mit Liebe auf diese Figuren schauen.“ Am Premierenabend war von dieser Liebe nicht viel zu spüren. Dazu muss man wissen: Davids ist Leiter der Musical-Sparte am Landestheater Linz. In einem Musical kann Schadenfreude schon mal ziemlich plump daherkommen.
Den Bayreuther Meistersingern stand dieses Konzept überhaupt nicht, wie es auch sonst keine angenehme Eigenschaft ist, über Unzulänglichkeiten zu lachen. Da muss man gar kein Anhänger der Woke-Bewegung sein, die gar keinen Spaß versteht, wenn man zum Beispiel Gewichtsprobleme seiner Mitmenschen unverblümt beschreibt. Bereits in der Bibel [Lutherbibel 2017, Die Sprüche Salomos, Spruch 17.5] heißt es: „Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über eines andern Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben.“
Wie sah Davids Ansatz auf der Bühne aus? Am Beispiel der Festwiese: So wie Nürnberg sucht den Superstar – der Johannistag, das Hochfest der Geburt Johannes’ des Täufers, auf Humor getrimmt als schnödes Volksfest. Außerdem rosa Fachwerk und rosa Leder. Dieses Konzept beschreibt die gesamte Inszenierung recht gut.

Hans Sachs gilt als eine der längsten Partien im gesamten Opernrepertoire. Wie gemacht für Georg Zeppenfeld (Bass), der mit seinen Kräften klug zu haushalten weist. Und wohl ein kleiner, stimmlich über jeden Zweifel erhabener Revoluzzer ist. In einem Interview kurz vor der Premiere mit BR Klassik brachte Zeppenfeld das Problem der Regie auf den Punkt. Davids „hat Wert darauf gelegt, dass ich den Sachs nicht zu bierernst anlege. Manchmal bricht halt bei mir doch der seriöse Bass durch.“ Zeppenfeld verriet auch seine eigene Deutung des Schusters: „Ich glaube, der Sachs ist ein Mann in der Midlife-Crisis.“ Seine allerbesten Momente hatte Zeppenfeld, wenn er sich der Regie entzog…

Quelle: Klassikblog
Bei Davids gibt es keine Anspielung auf die Nationalsozialistische Vergangenheit dieser Oper, die Adolf Hitler als die „deutscheste Oper“ von Richard Wagner bezeichnete. Es gibt auch keine Anspielung auf antisemitische Züge, wie sie der gefeierte australische Regisseur Barrie Kosky in seiner Inszenierung von 2017 in Bayreuth im Umgang mit der Figur des Sixtus Beckmesser herausgearbeitet hatte.
„Mir geht es nicht darum, die gesamte Rezeptionsgeschichte in die Inszenierung zu packen, sondern den Humor hervorzuheben, von dem unglaublich viel im Werk zu finden ist. Wir suchen die Leichtigkeit in den Meistersingern“, so Davids.
Beim Publikum kam das an. Großen Applaus gab es für die Hauptprotagonisten: für den Bass-Sänger Georg Zeppenfeld in der Rolle als Meistersinger Hans Sachs und für Michael Spyres, der gleichermaßen Bariton und Tenor singen kann. Die Rolle des Edelmannes Walther Stolzing war für den US-Amerikaner das Debüt bei den Bayreuther Festspielen. „Das schwerste für mich bei Wagner sind diese Wortspiele. Es ist wie ein Labyrinth in einem Wald durch das Gehirn von Wagner“, sagte er vor der Presse in Bayreuth.
Der Publikumsliebling des Abends war wider Erwarten Michael Nagy als Beckmesser, der cool in Sonnenbrille seine E-Laute zupfte und gesangstechnisch überzeugte. Nicht – wie in vielen anderen Inszenierungen – nur schräg vor sich hinsang als Karikatur seiner selbst. Musikalisch geleitet wurde das Bayreuther Festspiel Orchester von dem Italiener Daniele Gatti, der Wagners Marschrhythmen teils tänzerisch und spielerisch dirigierte. „Er hat es nicht so deutsch gespielt“, freute sich eine italienische Zuschauerin im Publikum.

Um was geht es
Bei den Meistersingern geht es um ein großes Wettsingen der Handwerker in der mittelalterlichen Stadt Nürnberg. Es geht um die Wahrung der Tradition und die Sprengung von Grenzen. Nach bestimmten Regeln müssen die Mitstreiter Verse verfassen. Stadtschreiber Sixtus Beckmesser achtet streng auf die Regeln. Besonders als der Ritter und Edelmann Walther Stolzing auftaucht und mit seinem schönen, aber regelwidrigen Gesang den Schuster und anerkannten Meistersänger Hans Sachs für sich einnimmt. Dem Sieger winkt in diesem Fall nicht Geld, sondern Eva zur Frau, die Tochter des Goldschmieds Veit Pogner. Die begehren Stolzing und Beckmesser gleichermaßen.
Die Kulisse ist das fränkische Nürnberg in Süddeutschland mit bunten Fachwerkhäusern, die wie übereinandergestapelte Bauklötze aussehen. Die Austragung des Wettbewerbs auf der Festwiese gleicht in der letzten Szene einem bayerischen Oktoberfest, die Männer in Lederhosen, die Frauen in Dirndln. Die Geschichte spielt nicht wie bei Wagner im 16. Jahrhundert, sondern im hier und jetzt. Wagners Meistersinger gilt nicht nur als komische Oper, sondern auch als die deutscheste von Wagners Opern, singt doch Hans Sachs ein Lob auf die deutsche Kunst und die Tradition der Meistersinger.
Dass die Sänger diesen Wettstreit nach festen Regeln austragen, ist Tradition. Eine Frau als Preis, das ist ungewöhnlich, und dass ausgerechnet ein unbekannter Sänger, der nicht aus dem Kreis der Meister kommt, mitmachen darf und am Ende noch gewinnt, zeigt, wie Traditionen langsam bröckeln. Allein die Figur des Hans Sachs ist jenseits von oberflächlichem Humor ständig im Zwiespalt das Neue zu mögen, aber die alten Regeln nicht zu brechen zu wollen.
Die nationalsozialistische Note
Gaby Reucher von der Deutschen Welle beschäftigt sich mit den nationalsozialistischen Tendenzen in dem Stück:
An Inszenierungen von Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ scheiden sich die Geister. Soll man die komische Seite der Oper betonen, oder ist es ein ernstes Stück über deutsche Tugenden mit antisemitischem Bezug? In der diesjährigen Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen will Regisseur Matthias Davids komische Elemente der Oper betonen. Es bleibt der Beigeschmack, dass die Nationalsozialisten das Stück in ihre Reichsparteitage eingebunden haben.
Richard Wagner war Adolf Hitlers Lieblingskomponist, und das schon lange bevor er 1933 an die Macht kam. Der Diktator sah in Wagner einen Seelenverwandten, der mit den gewaltigen Klängen seiner Opern im 19. Jahrhundert die Massen begeisterte. Das machte sich Adolf Hitler später für seine Propaganda zunutze.
Hitler, der gerne Kunst studiert hätte, machte große Musikinszenierungen genauso zur Chefsache wie staatstragende Architekturprojekte. „Hitler hat tatsächlich der Kunst einen sehr hohen Stellenwert eingeräumt,“ sagt der Kunstwissenschaftler Wolfgang Brauneis, der sich mit Künstlern der Nazizeit beschäftigt hat. „Man kann das bis tief in die Kriegswirren beobachten, dass er selbst noch die Farbe von Mosaiksteinchen abgenommen hat bei großen Baustellen.“
Nicht anders war es in Nürnberg, wo Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ihre Parteitage abhielt. Für die Inszenierung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, die am Vorabend der Reichsparteitage gespielt wurde, wählte er selbst die Sänger und Dirigenten aus.
Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Richard Wagner bereits 50 Jahre tot. Der Komponist hatte mit seiner Vorstellung eines Gesamtkunstwerks die Opernwelt revolutioniert. Ihm schwebte die Symbiose von Text, Musik, Regie, Bühnenbild und Architektur vor, alles aus einer Hand. Für seine Opern entwarf Richard Wagner ein Opernhaus auf dem grünen Hügel in Bayreuth nach eigenen Vorstellungen. Erstmals ließ er das Orchester in einem Graben vor der Bühne spielen, das Publikum saß in völliger Dunkelheit, nur die Bühne erstrahlte. Das inspirierte Hitler.
Seine Reichsparteitage in Nürnberg inszenierte der Diktator ab wie eine große Bühnenshow mit Lichteffekten und Massenaufläufen. Die ganze Stadt wurde zur Kulisse, mit gehissten Fahnen am Straßenrand für die Aufmärsche der Nationalsozialisten. In der letzten Szene der „Meistersinger von Nürnberg“, in der es inhaltlich um die Bewahrung der deutschen Kunst geht, hatte der Bühnenbildner Benno von Arent 1935 die langen Fahnenreihen vor den mittelalterlichen Fachwerkhäusern der Stadt auf der Bühne aufgegriffen.
Künstlerische Note der Nazis
Auf dem Weg von Berlin nach Potsdam fahren wir an der ehemaligen Zitadelle vorbei. Dort wurden von den Alliierten unter anderem die Kriegsverbrecher Albert Speer und Rudolf Hess gefangen gehalten. Beides waren Riesen im Regime des dritten Reiches. Speers „Spandauer Tagebücher“ dokumentieren diese Zeit. Speer lebte nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Spandau 1966 überwiegend in der Heidelberger Villa, die sein Vater im Jahre 1905 erbaut hatte und die sich auch in den 1960er Jahren noch im Familienbesitz befand. Natürlich ist davon bei einer Fahrt durch den Weg nichts von der Straße aus zu sehen. Der Weg zum Schloss ist nicht weit. Einer der Heidelberg ideologisch prägte war ein weiterer Riese: Josef Göbbels.
Die Heidelberger Thingstätte auf dem Heiligenberg ist ein Beispiel für nationalsozialistische Architektur und eine nach dem Vorbild antiker griechischer Theater errichtete Freilichtbühne. Die Thingstätte wurde von 1934 bis 1935 vom Reichsarbeitsdienst und Heidelberger Studenten erbaut. Die Bühne sollte vor allem für Propagandaveranstaltungen genutzt werden.
Neuschwanstein: Musik und Kultur

Die Märchenschlösser von Bayerns König Ludwig II. werden ins Weltkulturerbe aufgenommen. Das hat die zuständige UNESCO-Kommission entschieden. Neben Neuschwanstein werden damit drei weitere Schlösser Teil des Welterbe-Katalogs.
Die UNESCO hat die berühmten Märchenschlösser vom bayerischen König Ludwig II. zum Welterbe erklärt. Auf ihrer Sitzung in Paris nahm die Welterbekommission der UN-Kulturorganisation das Schloss Neuschwanstein, die Schlösser Herrenchiemsee und Linderhof sowie das Königshaus am Berg Schachen in die Welterbeliste auf.
Die Grundsteinlegung für Schloss Neuschwanstein erfolgte am 5. September 1869. Am 1. August 1886 wurde es – wie auch die anderen Königsschlösser nach dem Tod des Märchenkönigs Ludwig II. – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und wird heute von der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen betreut.
Auf Schloss Neuschwanstein gibt es auch Beziehungen zu den Meistersingern.
„Die illusionistische Deckenmalerei des Ankleidezimmers zeigt eine zum Himmel geöffnete, weinumrankte Laube, wie man sie auch in der Dekoration von Gartensälen des 18. Jahrhunderts findet. Die Wandbilder zwischen der Vertäfelung stellen Motive aus dem Leben und den Dichtungen von Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230) und Hans Sachs (1494-1576) dar. Über dem Eingangsbogen zum Erker befinden sich die Brustbilder der beiden Dichter. Die Sitzmöbelbezüge und die Vorhänge sind aus violetter Seide gefertigt und mit prächtiger Goldstickerei verziert: Auf einem kunstvoll verschlungenen Blätter- und Rankenornament sitzt jeweils ein goldenes Pfauenpaar. Im Erker steht der große Schmuckkasten des Königs.“
Quelle: Bayerische Schlösserverwaltung
Über die Liebe Ludwigs zum Bayreuther Meister ist genug gesagt.
Die Antwort der Meistersinger-Inszenierung in Bayreuth: Der Nachtwächter (Tobias Kehrer) rückt in eine zentrale Rolle und hält sich beim Lobgesang auf die „deutschen Meister“ am Ende des Werks die Ohren zu.
Fazit: Ein vielschichtiger Auftakt auf dem Grünen Hügel.
