Richard Wagner, einmal geistlich

Berlin. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele am 25. Juli in Bayreuth besuchen. Wieder mal ein Bundeskanzler nach Angela Merkel auf dem grünen Hügel. Was viele nicht wissen: Es gibt auch eine wagnerianische geistliche Note.

Von Frank Bürger

Ich hatte das Glück, 2023 bei den Festspielen in Bayreuth wieder mit dabei gewesen zu sein. Nach 1989 erst das zweite Mal. Musikalisch und politisch hat der grüne Hügel einen großen Einfluss.

undeskanzler Friedrich Merz (CDU) will die Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele am 25. Juli in Bayreuth besuchen. Gemeinsam mit seiner Frau Charlotte hört er sich am ersten Festivaltag die Neuproduktion der „Meistersinger von Nürnberg“ an. Das bestätigten ein Regierungssprecher und die Stadt Bayreuth der Deutschen Presse-Agentur. Die Stadt lädt zum Auftakt traditionell Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur ein.

Merz-Vorgänger Olaf Scholz (SPD) hatte die Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel in seiner Amtszeit hingegen nicht besucht. Anders die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Sie gilt als große Anhängerin der Musik Richard Wagners. Bereits vor ihrer Kanzlerschaft war sie in Bayreuth zu Gast. Als Kanzlerin schritt sie dann regelmäßig bei der Eröffnung über den roten Teppich. Und auch danach blieb sie eine treue Besucherin. Lediglich im Jahr 2024 sagte sie aus Termingründen ab.

Quelle: Bayerischer Rundfunk

Doch besonders auch die philosophische Note des Schaffens von Richard Wagner.

Das Verhältnis Wagner-Nietzsche war ambivalent. Als junger Professor in Basel war Nietzsche vom 31 Jahre älteren Wagner begeistert und besuchte ihn ab Mai 1869 regelmäßig in Tribschen. Er bewunderte und verehrte Wagner, ebenso dessen junge Frau Cosima. Im Gegenzug wurde Nietzsche bei den Wagners wie ein Sohn aufgenommen. Viele Briefe aus dieser Zeit zeugen von dem mehr als freundschaftlichen Verhältnis. So schreibt der 24-jährige Nietzsche an seinen Freund Erwin Rohde, nachdem er Wagner erstmals in Leipzig kennengelernt hatte:

Vor und nach Tisch spielte Wagner alle wichtigen Stellen der „Meistersinger“, in dem er alle Stimmen imitierte und dabei sehr ausgelassen war. Er ist nämlich ein fabelhafter und feuriger Mann, der sehr schnell spricht, sehr witzig ist und eine Gesellschaft dieser privatesten Art ganz heiter macht. Inzwischen hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm über Schopenhauer. Es war ein Genuss für mich, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme von ihm reden zu hören, was er ihm verdanke, wie er der einzige Philosoph sei, der das Wesen der Musik erkannt habe. Nachher las er ein Stück aus seiner Biographie vor, die er jetzt schreibt, eine überaus ergötzliche Szene aus seinem Leipziger Studentenleben, an die ich jetzt nicht ohne Gelächter denken kann; er schreibt übrigens außerordentlich gewandt und geistreich.

Wagner hatte vor, Nietzsche in die Organisation der ersten Bayreuther Festspiele einzubinden. Nietzsche war nicht abgeneigt und schrieb mehrere positive Artikel und Essays, u. a. Wagner in Bayreuth. Zu Wagners 60. Geburtstag schrieb Nietzsche:

„Geliebter Meister, nun sind es wirklich zwei Menschenalter, daß die Deutschen Sie haben – und gewiß gibt es viele, die, wie ich samt meinen Freunden, den nächsten Himmelfahrtstag als den Tag Ihrer Erdenfahrt feiern, zugleich sich sagend, welches das Los eines jeden zur Erde fahrenden Genius sein wird, ein Los, das wahrlich noch mehr an eine Höllenfahrt erinnert (…) Was wären wir denn, wenn wir Sie nicht haben dürften, und was wäre ich zum Beispiel anderes (wie ich jeden Augenblick empfinde) als ein todgeborenes Wesen! Mich schaudert immer bei dem Gedanken, ich könnte vielleicht abseits von Ihnen liegen geblieben sein: und dann lohnte sich wahrlich nicht zu leben, und ich wüßte gar nicht, was ich mit der nächsten Stunde beginnen sollte. Jetzt lernte ich doch Eins: daß irgendwann die Deutschen anfangen müssen, für Sie ein „Publikum“ zu bilden: und ich wünsche samt meinen Freunden zu diesem Publikum gerechnet zu werden.“

Aus bis heute nicht eindeutig geklärten Gründen persönlicher oder ideeller Art (Entfernung Wagners von früheren Idealen, Rückkehr zur christlichen Symbolik mit dem Parsifal oder der Dekadenz Bayreuths) kühlte sich das Verhältnis ab und zerbrach mit der letzten Begegnung im September des Jahres 1876 in Sorrent. Seitdem gab es keinen Briefwechsel mehr, aber man schrieb übereinander.

Quelle: Deutsch-Polnische Nachrichten

Doch konnte es wirklich der Parsifal sein, der den Bruch auslöste?

„Welch Brausen erfüllt die Luft? Welch Tönen, welch Klingen?“ Man wäre gerne dabei gewesen, als 1843 sage und schreibe 1200 Chorsänger aus Sachsen, verteilt auf alle Emporen der Dresdner Frauenkirche, in maximaler Emphase die Ausgießung des Heiligen Geistes besangen nach Klängen von keinem geringeren als Richard Wagner, der in perfekter Verquickung von Kunst und Religion das „Liebesmahl der Apostel“ komponiert hatte für das Allgemeine Männergesangfest. Wagner präsentierte ein biblisches Theaterstück, das ebenso perfekt auf das grandiose Gotteshaus zugeschnitten war wie der Ring des Nibelungen später auf das Bayreuther Festspielhaus.

Es war ein musikalisches Pfingstfest besonderer Art.

Nach der Uraufführung seiner beiden Opern „Rienzi“ am 20. Oktober 1842 und „Der fliegende Holländer“ am 2. Januar 1843) stand Als lästige Pflicht sah Wagner sein Leitungsamt im Dresdner Männergesangsverein „Liedertafel“.

Gewidmet war dieses geistliche Chorwerk der Witwe von Theodor Weinlig.

Christian Theodor Weinlig (Chriſtian Theodor Weinlig)? war Musiklehrer und Chordirigent in Dresden und Leipzig.

Weinlig studierte von 1797 bis 1803 an der Universität Leipzig Jura und ließ sich 1803 als Advokat in Dresden nieder. Dort erhielt er Musikunterricht von seinem Onkel, der als Kantor an der Dresdner Kreuzkirche wirkte. Von 1814 bis 1817 war Weinlig selbst Kreuzkantor.Thomaskantoren

Im Jahr 1823 wurde Weinlig Thomaskantor in Leipzig. Er trat das Amt am 10. Juli 1823 an und führte es über 18 Jahre lang bis zu seinem Tode.

Zu den bekanntesten Schülern Weinligs gehörten die Pianistin Clara Schumann (geborene Wieck, 1819–1896) und der Komponist und Kapellmeister Richard Wagner (1813–1883). Wagner widmete Weinlig sein erstes gedrucktes Werk (Klaviersonate in B‑Dur).

Christian Theodor Weinlig starb am 7. März 1842 im Alter von 61 Jahren in Leipzig. Er wurde auf dem (Alten) Johannisfriedhof begraben (V. Abteilung, an der Ostmauer, südlich des Hauptwegs). Seine Grabtafel ist noch erhalten.

Im Jahr 1900 wurde eine Straße im Leipziger Stadtteil Gohlis nach Weinlig benannt (Weinligstraße).

Wagner und Schumann

Ob sich die beinahe altersgleichen sächsischen Musiker – obwohl beide in Leipzig lebend – schon vor 1835 getroffen haben, ist ungewiß. Die Besprechung der Columbus-Ouvertüre von Wagner durch Schumann in der Neuen Zeitschrift für Musik legt nahe, dass Schumann der Aufführung im Gewandhaus am 25. Mai 1835 beigewohnt und bei dieser Gelegenheit auch Wagner getroffen haben dürfte.

Zum Jahresende 1835 setzt auch eine gelegentliche Korrespondenz ein, die im Zusammenhang mit der Musikzeitschrift steht, für die Wagner hin und wieder auch eigene Beiträge schickt. Doch bald bricht dieser Kontakt wieder ab, was auch an Schumann liegt, der Einladungen von Wagner zu seinen Opernaufführungen unbeantwortet lässt. Die Treffen häufen sich mit dem Umzug der Schumanns nach Dresden, wo Wagner bis zum Revolutionsjahr 1848/49 die Stelle des zweiten Hofkapellmeisters besetzt, doch auch hier bleibt Schumanns Einstellung zu Wagners Opern – „Rienzi“ besucht er erstmals am 16. April 1846 und „Tannhäuser“ im November 1845 – reserviert und ambivalent.

Quelle: Schumann-Portal

Umgekehrt hält auch Wagner Schumann für einen zumindest „sonderbaren Menschen“, der „keine Melodien“ habe, und dessen Oper „Genoveva“ in der Konzeption große Fehler aufweise. Aus diesem „Mißverhältnis“ wurde natürlich keine Liebe mehr zwischen den beiden Komponisten, deren so unterschiedliche musikalische „Konzepte“ nach Schumanns Tod sogar zu einer ausgesprochenen „Lagerbildung“ führten: „Wie es Schumannianer geben kann, ist mir unbegreiflich.“ (I.B.)

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