
Berlin. Vom 2. bis 25. September gibt es in der Weihnachtskirche Spandau die Wanderausstellung „Von christlicher Judenfeindschaft“ zu sehen. Hier ein Interview dazu mit der landeskirchliche Beauftragte für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus, Pfarrerin Marion Gardei.
Von Frank Bürger
Klaus Will, Sprecher AG Christen und Juden im Kirchenkreis Spandau und Pfarrer Oskar Hoffmann von der Weihnachtskirche sind die Organisatoren. Vom 2. bis 25. September ist in der evangelischen Weihnachtskirche Spandau, Haselhorster Damm 54-58, 13599 Berlin, die Ausstellung „Von christlicher Judenfeindschaft“ zu sehen. Der Autor des Beitrags führte dazu ein Interview mit der landeskirchlichen Beauftragten für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus, Pfarrerin Marion Gardei (EKBO)
Die Ausstellung „Von christlicher Judenfeindschaft“, wer hatte die Idee zu diesem besonderen Projekt?
Vorausgegangen war eine ständige Ausstellung im Klosterstift zum Heiligengrabe, die ich mit anderen aus Anlass 1700 Jahre jüdisches Leben initiiert habe, und die sich mit der nachträglich erfundenen, antijüdischen Gründungslegende des Klosters auseinandersetzt. Da das Thema so wichtig ist, hatte ich die Idee, es mit dem gleichen Team zu erweitern zu einer Wanderausstellung, die systematisch die Muster christlicher Judenfeindschaft durch die Geschichte bis heute zeigt. Und diese Ausstellung sollte als Wanderausstellung an unterschiedlichen Orten gezeigt werden können und also auch für viele sichtbar werden.
Warum wurde die Sophienkirche als Auftaktort gewählt?
Die Sophienkirche hat eine gute Tradition im christlich-jüdischen Dialog, schon zu DDR-Zeiten. Zum Beispiel gibt es dort jedes Jahr am 9. November einen Schweigemarsch zum Gedenken an die Novemberpogrome der Nazis gibt unter aktiver Beteiligung vieler junger Menschen.
Wer sind alle Kooperationspartner?
Die Ausstellung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz entstand in Kooperation mit dem Kloster Stift zum Heiligengrabe und wurde wesentlich gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein. In der Projektgruppe, die das Entstehen der Ausstellung begleitete, wirkten mit: Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Rabbinischer Leiter am Abraham Geiger Kolleg der Universität Potsdam, Dr. Irmgard Schwaetzer, Stiftsfrau im Kloster Stift zum Heiligengrabe und ich. Die Hauptarbeit machte unser Kurator Bodo-Michael Baumunk , der das „Drehbuch“ für die Ausstellung schrieb, also Konzept, Text und Bildauswahl machte, was dann von der Graphikerin Sabine Klopfleisch gestaltet wurde.
Könnten Sie den Prozess von der Ideenfindung bis zum Start der Ausstellung beschreiben?
Wie gesagt fingen wir nicht bei Null an, sondern konnten auf die bereits bestehende Ausstellung im Klosterstift Heiligengrabe aufbauen. Leitfragen waren: Welche Muster christlichen Judenhasses und welche Generalverdachte gegen Juden gibt es, welche Auswirkungen hatten diese auf das Leben jüdischer Menschen und wie hat die Kirche in der Geschichte davon profitiert. Und wie wirken diese alten Lügen in modernen Verschwörungstheorien und antisemitischen Unterstellungen bis heute weiter. Letzteres haben wir allerdings nur andeuten können. Aber ich glaube, die aufmerksamen Betrachter der Ausstellung erkennen aus der Historie vieles für heute wieder. Insofern hoffe ich, dass die Ausstellung auch ein Beitrag zur Antisemitismusprävention ist.
Der Arbeitsprozess verlief dann so, dass der sehr erfahrene und kirchenkritische Historiker Bodo-Michael Baumunk nach diesen Vorgaben einen Manuskriptentwurf fertigte, der von ihm dann in Gesprächen mit der Projektgruppe weiter entwickelt wurde. Die Graphikerin hat von Anfang an die Arbeit mit begleitet. Auch Textkürzungen und Bildauswahl gehören dazu. Wir haben uns von Anfang an für anspruchsvolle historische Illustrationen und auch für eine differenzierte Sprache entschieden und lieber bestimmte Ausdrücke und Schlagwörter unten auf den Tafeln erklärt.
Warum passt diese Ausstellung in die Weihnachtskirche?
Die Weihnachtskirche wurde in der Nazizeit gebaut und die Gemeinde gehörte m.W. damals zu den sog. Deutschen Christen, die versuchten Christentum und Nationalsozialismus zu verbinden. Sie leugneten das Jude-Sein Jesu, wollten das AT beseitigen und „bereinigten“ auch die Gesangbücher von Ausdrücken wie „Israel“. Die Ausstellung zeigt: Die Nazipropaganda griff gern auf christliche Muster der Judenfeindschaft zurück in ihrem rassistischen Antisemitismus, denn sie ging zurecht davon aus, dass diese in den Köpfen der Mehrheit fest verankert waren. Ich weiß nicht, wie die Gemeinde ihre Geschichte aufgearbeitet hat, aber das ist ein Prozess, der immer sehr lohnend ist, auch fürs gegenwärtige Gemeindeleben. Die Ausstellung könnte dazu neue Anstöße geben.
Welche Rolle spielt der christlich-jüdische Dialog in der Landeskirche?
Der christlich-jüdische Dialog liegt uns sehr am Herzen: Bischof, Pröpstin, Präsidentin und Kirchenleitung sind da ganz engagiert, und er ist sogar in der Grundordnung unserer Kirche verankert. Es gibt innerhalb der Landeskirche eine Vielzahl von christlich –jüdischen Dialogforen und Bildungsangeboten, in denen die Umkehr von der jahrtausendelangen Überheblichkeit der Christen gegenüber den Juden gelebt wird, in denen wir gemeinsam lernen. Ich finde es besonders wichtig, dass die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs in den Gemeindealltag selbstverständlicher Bestandteil sind, bei Gottesdiensten, im Konfirmandenunterricht, bei allem Arbeiten mit der Bibel. Deshalb engagiere ich mich hier, als eine, die auch an der Universität in Jerusalem Religion studiert hat. Da ist mir klar geworden, dass ich Jesus ohne sein Judentum gar nicht verstehen kann. Deshalb gebe ich z.B. mit anderen zusammen Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Dialog für die Sonntagspredigten heraus.
Welche Orte sind für die Wanderausstellung bisher vorgesehen?
Die Ausstellung gibt es in zwei Exemplaren. Eines wandert durch Berlin, das andere war in Fürstenwalde, Görlitz, geht nach Wittenberg, Koblenz und nach NRW. Die Ausleihe ist gut nachgefragt.
Wie sieht der Kontakt nach Israel aus und wie beurteilen Sie den derzeitigen Konflikt in der dortigen Region?
Ich habe gute Freunde in Israel und weiß, dass viele jetzt Angst haben, traumatisiert sind, aber sich auch ein Ende des Krieges und der derzeitigen Regierung wünschen: Mein Eindruck ist, die meisten sehnen sich nach Frieden. Der Überfall der Hamas am 7. Oktober und das laute Schweigen in der Welt war ein Einschnitt. Auch für mich, die ich als Antisemitismusbeauftragte seit vielen Jahren hier gegen Judenhass kämpfe, war es unfassbar, wie schamlos und laut sich Antisemitismus, auch getarnt als Israelhass wieder zeigt. Ich gebe dennoch nicht auf, dagegen zu argumentieren. Zum Glück stehe ich damit nicht allein da.
