Der preußische Hof wird lebendig

Berlin. Die Potsdamer Schlössernacht ließ preußische Geschichte lebendig werden, auch mit den Schattenseiten.

Von Frank Bürger

Es gab so viele Angebote bei der Jubiläumsveranstaltung der Potsdamer Schlössernacht. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten nahmen drei Publikumsmagneten in den Fokus, mit historischer Gradwanderung. In den Bann zog das Gruselkabinett der Katharina Thalbach.

Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können“, wusste Kant. Und Lessing sagte: „Man hört beim hellen Tag mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit Grausen davon erzählen.“ Auf der einen Seite stehen jenseitige Geister und Gespenster, auf der anderen Horrorwesen, die im Irdischen verankert sind und deren Schrecken nicht dem Übersinnlichen entspringt. Das Trio infernale des Thalbach-Clans – Mutter, Tochter, Enkelin – war die ideale Konstellation, allen erdenklichen Geister- und Horrorgeschichten nach­zuspüren: Unerschrocken und wagemutig gingen sie mit viel Ausdruck und Sprachwitz über Leichen, ohne mit der Wimper zu zucken. Mit Geschichten von Ambrose Bierce, Edgar Allan Poe, E.T.A. Hofmann, Bram Stoker, Kurt Tucholsky u.a

Ganz romantisch wurde es bei den Candle-Light Konzerten. Im Schein unzähliger Kerzen konnte der eindringlichen Musik von Hans Zimmer gelauscht werden, die von der einmaligen Akustik der westlichen Pflanzenhalle perfekt zur Geltung gebracht und auch auf die Terrasse des Orangerieschlosses übertragen wurde.

Das Raso Streichquartett rund um den Cellisten Juan Raso begeistert sein Publikum mit einem vielfältigen Repertoire aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen – von klassischer Musik und Film-Soundtracks bis zu den Pop Hits unserer Zeit. Die vier Musiker:innen verzaubern ihr Publikum mit ihren wunderschönen Klängen.

Bewusst war die Musik von Hans Zimmer gewählt. Alle Plätze waren besetzt, die Besucher standen sogar…

er Pianist und Filmkomponist Hans Zimmer wurde am 13. September 1957 in Frankfurt / Main geboren. Er spielte bereits als Vorschulkind Klavier, war aber nicht von der klassischen Musikausbildung zu überzeugen. Als Teenager zog er nach England, wo er zunächst an seinem Abitur arbeitete, gleichzeitig sich aber in die florierende Musikszene integrierte. Als Keyboarder spielte er zunächst bei der italienischen Experimentalpop-Formation “Krisna”, dann bei den College-Punkern von “Ultravox”. Um 1978 traf er auf den damals noch erfolglosen Produzenten Trevor Horn, mit dem er zusammen das Pop-Projekt “The Buggles” aus der Taufe hob. Mit dem Song “Video Killed The Radio Star” gelang ihm 1979 sein ersten internationaler Hit, das dazu gehörige Video gehörte zu den Pionierstreifen des Genres und das Album “The Plastic Age” wurde ein Bestseller.

Nach den erfolgreichen Anfängen im Pop-Business begann Zimmer Anfang der Achtziger, sich auch für Filmmusik zu interessieren. Zunächst komponierte er im Londoner Studio “Air Edel” Werbe- und Radiojingles, bevor ihm der Filmmusikveteran Stanley Meyers (“Deer Hunter”) eine Stelle als Assistent anbot. So kam Zimmer in Kontakt mit der Szene, schrieb für Nicolas Roegs “Eureca” 1984 seinen ersten vollständigen Soundtrack und ließ bald darauf die Musiken zu “Seperate Vacations” (1986) und “Castaway” (1987) folgen. Gleichzeitig arbeitete er als Produzent und war in dieser Funktion am Oskar-preisgekrönten Score zu “Der letzte Kaiser” beteiligt (1987). Der erste Auftrag aus USA kam dann mit “Miss Daisy und ihr Chauffeur” zustanden und 1988 gelang Zimmer endgültig der Durchbruch mit dem Soundtrack zu Barry Levinsons “Rain Man”.

Von da an war Zimmer im Geschäft. Er gründete gemeinsam mit Jay Rifkin das Studio Media Ventures in Santa Monica unweit der großen Hollywood-Studios. Mit den Möglichkeiten, alles selbst vor Ort zusammen mit einem Stamm ausgezeichneter Musiker verwirklichen zu können, schuf er sich einen Ruf als Komponist von Action-Thrillern ebenso wie von ernsten Epen. 1989 vertonte er Ridley Scotts “Black Rain”, eine Zusammenarbeit, die sich weiter intensivieren sollte. 1991 folgte “Thelma & Louise”, 1992 “Toys”, eine Komödie mit Robbin Williams, darüber hinaus verschiedene Werbe-Melodien, die wie das “Follow Your Dreams” des Marlboro Adventure Teams ihr Eigenleben entwickelten. Ein weltweiter Erfolg war schließlich 1994 die Musik zu “The Lion King”, die sowohl mit einem Oscar wie mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

Inzwischen zählt Hans Zimmer zu den meist beschäftigten Komponisten seines Genres. Er arbeitet seit 1997 eng mit den von Steven Spielberg gegründeten Filmstudios von DreamWorks zusammen, schrieb unter anderem die Filmmusiken zu “The Peacemaker” (1997), “The Prince Of Egypt” (1998), “Mission Impossible II” (2000), “Gladiator” (2000), “Pearl Harbour” (2001), “Black Hawk Down” (2002), “The Last Samurai”, “Johnny English” (2003), “Lauras Stern”, “Spanglish” (2004), “Madagascar”, “Over The Edge”, “Batman Begins”, “The Weather Man” (2005)

Candle-Light in der Orangerie

Der Höhepunkt schlechthin war die Aufstellung des preußischen Hofstaates. Denn die Organisatoren ließen dunkle deutsche Geschichte lebendig werden. Und das hat auch zu tun mit der Potsdamer Garnisonkirche und dem Propaganda-Streifen „Kolberg“

Mit dem Tag von Potsdam 1933 wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten für NS-Propaganda vereinnahmt. So ist die Szene aus einem der letzten Propagandafilme „Kolberg“ von großer Bedeutung: Beim Läuten der Glocken steht Napoleon neben dem Sarg Friedrichs. Hier schwenkt der Plot kurz nach Potsdam in die Garnisonkirche, wo sich Napoleon I. am Grab von Friedrich dem Großen fragt, ob er bis hierhergekommen wäre, wenn dieser noch lebte.

Im Zimmer Hitlers im Führerbunker hing ein Bild Friedrichs.

Wie wenig Hitler den Preußenkönig begriffen hatte, hatte jener schon im Sommer 1941 offenbar gemacht, als er mit der Wehrmacht die Grenzen der Sowjetunion überschritt. Friedrich dagegen hatte schon 1746 erkannt: „Sie (die Russen) waren so furchtbar, dass niemand etwas gewann, wenn er sie angriff; denn man musste eine Art von Wüstenei durchziehen, um sie zu erreichen; wurde man aber von ihnen angegriffen, so war alles zu verlieren, auch wenn man sich auf den Verteidigungskrieg beschränkte.“

Den hat Friedrich mit knapper Not für sich entscheiden können. Das war in der Tat ein Wunder, an dessen Verwirklichung der König nicht ganz unschuldig war. Wie auch Hitler seinen Untergang beizeiten befördert hatte.

Quelle: Die Welt, 5. Januar 2012

Als Mirakel des Hauses Brandenburg (auch Wunder des Hauses Brandenburg), frz. Miracle de la maison (de) Brandenbourg, bezeichnet man zumeist die Rettung Preußens im Siebenjährigen Krieg durch den Tod der russischen Kaiserin Elisabeth am 5. Januar 1762. Ihr Nachfolger Peter III. kündigte das Bündnis mit Österreich und schloss am 5. Mai 1762 mit dem preußischen König Friedrich II. den Friedens- und Bündnisvertrag von Sankt Petersburg. Peter wurde bereits am 17. Juli 1762 ermordet und seine Nachfolgerin Katharina II. löste das Bündnis auf, hielt den Frieden aber weiterhin ein.

Tatsächlich stammt der Begriff „Mirakel des Hauses Brandenburg“ jedoch aus einem Brief Friedrichs an seinen Bruder Heinrich vom 1. September 1759. Wenige Tage zuvor, am 12. August, war Friedrich von den verbündeten Russen und Österreichern in der Schlacht bei Kunersdorf vernichtend geschlagen worden. Friedrichs Gegner nutzten diesen Sieg jedoch nicht zu einem Vorstoß auf Berlin aus; mit der Einnahme der preußischen Hauptstadt wäre der Krieg zu diesem Zeitpunkt nach Friedrichs Ansicht verloren gewesen. Die Rettung vor der drohenden Niederlage meldete der erleichterte Friedrich seinem Bruder, indem er die seinerzeit von den Habsburgern als „Mirakel des Hauses Österreich“ gepflegten wunderbaren Errettungen durch allerlei Heilige persiflierend, sie als „Wunder des Hauses Brandenburg“ verkündigte: „Ich verkündige Ihnen das Mirakel des Hauses Brandenburg. In der Zeit, da der Feind die Oder überschritten hatte und eine zweite Schlacht hätte wagen und den Krieg beendigen können, ist er von Müllrose nach Lieberose marschiert.“

„Hitler nahm als einzigen Schmuck für den Führerbunker ein Portrait Friedrichs des Großen mit. Und wir wissen, wie er im Namen Friedrichs des Großen seine Generalität abgekanzelt hat. An unzähligen Beispielen ließe sich aufzeigen, wie eine Preußen-Propaganda ohnegleichen die ganze NS-Zeit durchzieht. Damit hat man führende Schichten des deutschen Volkes, der Reichswehr beziehungsweise der Wehrmacht, des Beamtentums, der Lehrerschaft gewonnen. Preußen war nicht nur ein zufälliges Propagandamittel. Die Berufung auf Preußen spielt für die Durchsetzung des Nationalsozialismus in Deutschland eine Rolle, die man im vollen Umfang noch gar nicht erkannt hat“, schrieb Rudolf Augstein zum 200. Todestag Friedrichs des Großen.

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