
Berlin. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten sind gerne auf den Spuren des Künstlers Harald Birck. Nun weilte er in der historischen Stadtkirche Wittenberg. Der Weg nach Karlsruhe ist kein weiter.
Von Frank Bürger
Du weißt oft nicht, wer neben Dir geht“, sagt Harald Birck in seiner Kanzelrede am 25. Mai 2024 in der Stadtkirche und spielt damit auf die Emmausgeschichte aus der Bibel an. Dort begleitet Jesus seine Jünger auf dem Weg, aber sie erkennen ihn nicht.
Eingeladen war Harald Birck, um über das Thema Armut zu sprechen. Sie wird oft versteckt und bleibt unbemerkt, wird an den Rand gedrängt und ist mit Scham behaftet. Birck fordert dagegen in seiner Rede: „Armut gehört in die Stadt. Sie darf nicht aus dem Blick geraten.“ Seit vielen Jahren porträtiert der Berliner Künstler Obdachlose und modelliert ihre Köpfe aus Ton. Einige Objekte brachte Birck mit. Sie sind noch bis zum 12. Juni in der Stadtkirche zu sehen. Seine Ausstellung heißt „Auf Augenhöhe“. Dafür sorgt auch ganz wörtlich der Sockel auf dem Birck die Exponate präsentiert.
Sonst finden sich nur Helden auf den Sockeln der Denkmäler. Harald Birck setzt seinen „Helden“ ein Denkmal. Helden, die nichts mehr haben: keine Wohnung, kein Handy, kein Auto, keine Heimat, nur noch das nackte pure Leben. Diesem Leben pur spürt Harald Birck mit seiner Kunst nach. Dort wo andere wegschauen, ermöglicht Birck die Würde des Angeblickt-werdens.
Harald Birck über sein Kunstprojekt: „Der Charakterkopf, der lebendige, besondere Mensch mit allem, was ihn ausmacht, findet seine intensive Form: Durch lange Gespräche fließen Gefühl, Haltung und Unbewusstes in das Portrait. Ohne die Spuren der Straße zu kaschieren oder zu glätten, entsteht ein würdevolles Portrait. […] So sagte ein junger Mann nach der Sitzung: `Ich habe das Gefühl, ich lebe wieder! – Seit Jahren hat mich keiner mehr angesehen.´ “
Eine berührende Kanzelrede mit einem ungewöhnlichen Blick, die dem Publikum das Gefühl gab, Zeugen einer besonders wertvollen Begegnung geworden zu sein. „Du weißt oft nicht, wer neben Dir geht“.
Die ganze Kanzelrede können Sie mit dem folgenden Link abrufen:
Quelle: Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt






© Fotos: Susanne Birck, Rainer Kabus
Auf der Kanzel in Wittenberg ist etwas Besonderes. Auch die Siemensstadt in Spandau ist ein besonderer Ort der Begegnung.
Harald Birck, Jahrgang 1960, studierte in Karlsruhe an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und war Meisterschüler bei Professor Klaus Arnold. Seit 1991 lebt und arbeitet er in Berlin und Marval, Frankreich. Er ist bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, Frankreich, Norwegen und im Jemen vertreten gewesen.
So kam er in das Stadtteilzentrum Siemensstadt, mit 25 Gemälden, mit Aussichten vom Siemensturm. Dazu zählen Baustellenbilder, die während der Sanierungs- und Umbauarbeiten in den Siemensgebäuden entstanden sind. Weitere Bilder aus dem Schaffen Bircks ergänzen die Ausstellung.
Nur in Siemensstadt konnte sich ab 1899 ein eigenständiger Berliner Industriestadtteil mit Werksanlagen, Wohnvierteln und Versorgungseinrichtungen herausbilden. Sein Erscheinungsbild wurde vor allem von einem Mann geprägt: Hans Hertlein, der als Direktor der firmeneigenen Bauabteilung 1915–51 nicht nur die Werksgebäude, sondern das ganze Stadtviertel einheitlich gestaltete.
Architekt Hertlein und die Werksanlagen Siemensstadt
Hertleins erster „moderner“ Bau war das Wernerwerk M, errichtet 1917–22. Zwar folgte er der von seinem Vorgänger Karl Janisch begonnenen Blockrandbebauung, doch verzichtete er auf jegliche Ornamentik. Konstruktive Klarheit in der Gestaltung ersetzte die „repräsentative Fassade“. Ursprünglich sollte der fünfgeschossige Komplex zwölf Höfe umschließen, realisiert wurden jedoch nur drei Innenhöfe. Die kriegszerstörte Anlage wurde vereinfacht wiederhergestellt.
Turm in den Werksanlagen Siemensstadt
Dominiert wird die Werksanlage von dem 70 Meter hohen Turm, der einen Schornstein für das integrierte Heizkraftwerk und einen Wasserbehälter kaschiert. Mit seiner großen Uhr erhebt er sich über der Siemensstadt wie die Rathaustürme über den damals noch selbständigen Großberliner Gemeinden. Die Werksturmidee wurde wenige Jahre später von Eugen Schmohl für Borsig in Tegel und Ullstein in Tempelhof aufgegriffen.
Der phantastische Rundumblick vom Siemensturm inspirierte Harald Birck.
Der professionelle Maler hatte in rund 70 Metern Höhe sein Atelier vor einigen Jahren und genoss die spektakuläre Aussicht auf die Siemensstadt. In Birck reifte daraufhin die Idee, die Industriebauten auf künstlerische Weise zu dokumentieren. Er entschloss sich eine Serie von Bildern dazu zu zeichnen und zu malen.
„Die Architektur bewegt sich wie eine Welle aus der Landschaft heraus“, sagt Harald Birck bei der Vernissage. Es ist zu sehen, es ist zu spüren: Das Licht bewegt den Künstler. Das kommt auch von seinem Wirken in Frankreich.
Insgesamt 22 Charakterköpfe begleiteten 2017 die Wirkungsgeschichten des Reformators Martin Luther in der Karlsruher Innenstadt. Darüber berichtete „evangelisch.de“ und auch ich war hier in meiner Karlsruher Zeit beteiligt.
Unter dem Titel „Luther – einer von uns“ feierten die evangelischen City-Kirchen in Karlsruhe 500 Jahre Reformation und 500 Jahre Martin Luther. Von der Eröffnung am 5. März in der Karlsruher Lutherkirche bis zum Reformationstag am 31. Oktober 2017 zeigten die Büsten „gelebte, theologische Impulse“ des Reformators, erläuterte der damalige Stadtkirchenpfarrer Dirk Keller (Karlsruhe) die Idee der ungewöhnlichen Aktion. Noch heute steht Birck mit Keller in regem Austausch. „Martin Luther hat Karlsruhe nie besucht. Dazu ist die Reformation zu lange her und die Fächerstadt zu jung. Trotzdem fühlen sich auch nach 500 Jahren Menschen in unserer Stadt seinen Anliegen verbunden und leben, was er hinterlassen hat“, erklärt Keller.
Für die Skulpturen des Berliner Bildhauers Harald Birck war ein Atelier in der Karlsruher Stadtkirche entstanden. Dort waren seine Büsten von markanten Köpfen von Kindern, Frauen und Männern zu sehen, die Luthers Anliegen in der Gegenwart verkörpern sollen. Hierzu gehören etwa die Modehaus-Inhaberin Melitta Büchner-Schöpf zum Thema „Aufrecht und mutig“.
Hier einige biografische Anmerkungen auf der Homepage der Stadtwerke Karlsruhe.
Maria Melitta Schöpf war die Tochter von FDP-Stadträtin Melitta Schöpf (1901–1989) und Carl Schöpf († 1980)[1]. Nach dem Abitur am Bismarck-Gymnasium studierte sie ab 1953 Jura an den Universitäten in Tübingen, Bonn, Hamburg und Freiburg. 1962 promovierte sie zum Dr. jur.
1967 heiratete sie Dr. Georg Büchner (1931–2018) und nahm den Nachnamen „Büchner-Schöpf“ an. Seit 1980, dem Tod ihres Vaters, war sie Eigentümerin des Modehauses Schöpf, das ihr Großonkel Carl Schöpf 1899 gegründet hatte. Dr. Melitta Büchner-Schöpf war bis 2000 im Bundesministerium für Wirtschaft als Ministerialdirigentin zuständig für industrielle Kooperationen weltweit und koordinierte die Industrie-Ministerräte.
Seit 1989 war sie Stifterin und im Vorstand der Melitta-Schöpf-Stiftung.
Ich hatte das Glück, einige Aufnahmen mit ihr, und auch Harald Birck, in Karlsruhe zu machen.
Im Herbst 2021 starb Melitta Büchner-Schöpf. Sie hat das Diakonische Werk Karlsruhe, für das ich gearbeitet habe unter Leitung von Direktor Wolfgang Stoll als Alleinerben eingesetzt.
Hier der Link zum Artikel der BNN
Sowohl Harald Birck als auch ich führten viele Gespräche mit Melitta Büchner-Schöpf und ihrem Ehemann. Am Sonnabend, 28. September 2024 um 16 Uhr bin ich in der Riefstahlstraße 10 in Karlsruhe zu Gast. Dort stelle ich die Zweitauflage des Buches „Kloster Götschendorf“ vor. Auch Melitta Büchner-Schöpf spielt in dem Buch eine Rolle.
