
Berlin. Die Deutsch-Polnischen Nachrichten fokussieren musikalische Leckerbissen in der Bundesrepublik. So nimmt am 28. April um 16 Uhr der Berliner Domorganist Andreas Sieling in der Spandauer an der renommierten Reger-Orgel auf Einladung von Kantor Jürgen Trinkewitz Platz. Es gibt zahlreiche Verbindungen.
Von Frank Bürger
Die Reger-Orgel in der Evangelischen Weihnachtskirche Spandau, Haselhorster Damm 54-58, 13599 Berlin. ist schon eine Kostbarkeit in der Orgellandschafts der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. So darf Kantor Jürgen Trinkewitz nun den Berliner Domorganisten Andreas Sieling am 28. April 2024 um 16 Uhr zur 69. Haselhorster Orgelstunde begrüßen.. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.
Hier das Programm:
Georg Muffat (1653–1704)
Passacaglia (Interpretation nach Straube 1904)
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
„Schmücke dich, o liebe Seele“ BWV 654
Jacques van Oortmerssen (1950–2015)
Psalm 77
Otto Dienel (1839–1905)
„Nun ruhen alle Wälder“ op. 52, 25
Edvard Grieg (1843–1907)
Albumblatt Op. 12, Nr. 7
Norwegischer Tanz, Op. 35, Nr. 2
Valse, Op. 12, Nr. 2
Otto Dienel
„Wer nur den lieben Gott lässt walten“ op. 52, 39
Jacques van Oortmerssen
„Nun ruhen alle Wälder“
Johann Sebastian Bach
„Von Gott will ich nicht lassen“, BWV 658
Johann Kaspar Kerll (1627–1693)
Passacaglia (Interpretation nach Straube 1904)
1913 sollte für den Schützenhaussaal in Meiningen, in dem Max Reger mit der herzoglichen Hofkapelle konzertierte, eine Orgel beschafft werden. Reger wünschte aus aufführungspraktischen Gründen einen fahrbaren Spieltisch, der damals nur von der Firma Steinmeyer geliefert werden konnte. Deshalb nahm er Verbindung mit dem Orgelbauer Steinmeyer auf und bestellte auf einer Postkarte die Orgel: „Im Auftrage seiner Hoheit des Herzogs Georg von Sachsen-Meiningen bestelle ich hiermit eine Orgel für 20.000 RM für den neuen Schützenhaussaal in Meiningen. Ich darf Sie wohl bitten, mir balde Disposition der Orgel zu senden u. mir überhaupt genau zu schreiben, wie die Orgel werden soll“.
Bald darauf fuhr Kommerzienrat Johannes Steinmeyer nach Meiningen und verhandelte mündlich mit Reger. Dabei wurde auch die Disposition aufgestellt. Vermutlich entwarf Steinmeyer die Disposition, und Reger machte Änderungsvorschläge. Was allerdings im einzelnen auf wen zurückgeht, lässt sich heute mangels Unterlagen nicht mehr genau feststellen. Nur eine nachträglich aufgeschriebene Erzählung Steinmeyers von seinen Gesprächen mit Reger ist uns überliefert: „Als die Disposition festgelegt war – Preis RM 20.000 – äußerte Reger: Wir müssen noch ein Quintatön 8’ im 2. Manual haben. Darauf Herr Steinmeyer: Der Preis darf RM 20.000.- nicht überschreiten, welches Register wollen Sie, Herr Generalmusikdirektor, dafür weglassen? Regers Antwort: Das weiß ich auch nicht, denn die Disposition ist gut, das Register Quintatön wurde dann doch nachbestellt.“ Der damalige Assistent Regers, Prof. Dr. Poppen, war beim Dispositionsentwurf ebenfalls beteiligt. Ein Brief Regers an Steinmeyer vom 1.5.1913 zeigt, dass auch Steinmeyer noch nachträglich Änderungsvorschläge machte: „Ich bin auch damit einverstanden, wenn Sie ins 2. Manual eine kleine 3fache Mixtur 2’ bringen (statt Sesquialtera). Auch bin ich damit einverstanden, wenn Sie im 3. Manual statt des Lieblichgedeckt ein Nachthorn bringen.“
Das Instrument wurde dann auf Kosten des Herzogs als Eigentum der Schützengesellschaft Meiningen im Februar 1914 aufgestellt. Karl Straube spielte am 19. April das Einweihungskonzert. Aber die Orgel stand unter keinem guten Stern; unerwartete Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Schon im März 1914 musste Reger krankheitshalber nach Meran reisen, und am 6. April reichte er von dort sein Entlassungsgesuch ein. Herzog Georg starb am 26. Juni 1914; Reger spielte bei der Trauerfeier 3 Choralvorspiele von Bach (Herzlich tut mich verlangen; Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ; O Mensch, bewein dein Sünde groß), ein Largo F-Dur für Violine mit Orgelbegleitung op. 93 sowie ein wohl improvisiertes Nachspiel. Am 1. August 1914 begann der 1. Weltkrieg und die Orgel wurde fortan nicht mehr benutzt.
Das Instrument wurde also für Reger gebaut, und wenn auch seine Vorstellungen von einer Orgel anscheinend nicht so detailliert waren, dass der Bau vollständig auf ihn zurückzuführen wäre, so war er doch immerhin beteiligt und mit dem Instrument auch sehr zufrieden. Auffälligerweise entspricht die Orgel nicht durchgängig den zeitgenössischen romantischen Gepflogenheiten: Zwar sind, wie bei größeren damaligen Orgeln üblich, auf jedem Manual Zunge und Mixtur vorhanden, auch der 4’ im Pedal war nicht unüblich, aber es fehlt ein labialer 16’ im II. Manual, das III. Manual ist in einzelnen Registern (z.B. Zunge) und im Tutti lauter als das II., und das zerlegte Kornett im III. Manual ist auf den Einfluss der elsässischen Orgelreform zurückzuführen.
Quelle: Homepage der Weihnachtskirche, Autor: Jürgen Trinkewitz
Auch Andreas Sieling orientiert sich an der Aufführungspraxis von Karl Straube. Es geht also zurück an die Anfänge der Reger-Orgel

Andreas Sieling
Andreas Sieling ist seit 2005 Domorganist an der Großen Sauer-Orgel im Berliner
Dom.
Zahlreiche Konzertreisen führten ihn in fast alle europäischen Länder, nach Russland, in die USA und nach Kanada. Er ist zudem regelmäßig an CD-, Rundfunkund Filmaufnahmen beteiligt. Die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten und
die Herausgabe unbekannter romantischer Musik des 19. Jahrhunderts runden seine Tätigkeit ab.
Seit 1999 unterrichtet Kirchenmusikdirektor Sieling das Fach Künstlerisches Orgelspiel sowie zusätzlich Aufführungspraxis, Orgelliteraturkunde und Orgelkunde an der Berliner Universität der Künste, die ihn zum Professor ernannte. Daneben gibt er Meisterkurse im In- und Ausland, arbeitet als Orgelsachverständiger und ist als Juror bei Wettbewerben gefragt.
Seit 2015 tritt Andreas Sieling gemeinsam mit dem Schauspieler Ben Becker auf, für dessen Theaterstück „Ich, Judas“ er die Musik konzipierte und aufführt. Er arbeitete darüber hinaus mit Martina Gedeck und Matthias Brandt zusammen.
Im Format „Orgel und Tanz“ fand im Mai 2021 ein Projekt mit der Choreografin Sasha Waltz und ihren TänzerInnen statt. Erstmals führte er im Berliner Dom das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach an der Großen Sauer-Orgel auf.
Zuletzt erschien 2020 seine CD „Berlin“ (bei Dabringhaus & Grimm), die Kompositionen Berliner Komponisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – darunter mehrere Ersteinspielungen – vereint. Für diese CD erhielt er als „Instrumentalist des Jahres 2021“ den renommierten Opus-Klassik.
Die Deutsch-Polnischen Nachrichten hatten im vergangenen Jahr Kontakt zu Andreas Sieling über eine Orgelfahrt nach Brașov
Hier zum YouTube-Kanal des Organisten
Noch eine Verbindung zum Berliner Dom
Domprediger Stefan Scholpp verbrachte einige Zeit als Vikar in der Festspielstadt Schwetzingen
Hier seine Biografie auf der Homepage des Berliner Doms
Wer sich selbst vorstellen will, muss vom Anderen sprechen. Das wären in meinem Fall zuerst die, durch die ich geworden bin, wer ich bin. Meine Mutter, die mich allein erziehend aufs Leben vorbereitet hat, aber sich nie und nimmer vorstellen mochte, dass ich einmal Karlsruhe verlassen und Pfarrer werden würde. Klaus Müller, mein Konfirmator, dessen Lebensentwurf mich so beeindruckte, dass ich werden wollte wie er. Eberhard Jüngel in Tübingen, Christian Möller in Heidelberg und Konrad Fischer in Heddesheim, die mir zu theologischen Lehrern wurden. Meine Frau. Meine Kinder, durch die ich lernte, was es heißt, ein Vater zu sein.
Pfarrer! Das war’s, seit ich 14 wurde. Und ist’s geblieben bis heute (auch wenn ich 5 Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Universität und dem Predigerseminar in Heidelberg verbrachte – und dort das Nachdenken über Sprache und ihre Möglichkeit pflegen konnte). Heddesheim, Schwetzingen, Hockenheim, Mannheim waren die Stationen, alle in der Kurpfalz gelegen und nicht jede weltberühmt. Jetzt also das aufregende Berlin.
Von einer Journalistin wurde ich einmal gefragt, warum ich so gerne predige, und ob das nicht ziemlich old school sei? – Überholt ist sicherlich die Vorstellung von Predigt als informierender Belehrung, als Einbahnstraßenkommunikation. Aber Geschichten zu erzählen: die biblischen Geschichten im Kontext unserer unterschiedlichen Lebensentwürfe, eigene Geschichte im Licht der biblischen Überlieferungen, ist nach wie vor das, was mir die liebste Tätigkeit im Pfarramt ist, auf der Kanzel, im Gemeindesaal, im Internet, auf Podien, im Vier-Augen-Gespräch… Wie schön, dass die Pfarrpersonen am Dom Prediger und Predigerin heißen!
Die Weihnachtskirche hat enge Verbundenheit. Zum 200. Geburtstag der badischen Landeskirche gab es einen musikalischen Gruß aus der Weihnachtskirche, angeregt vom damaligen Prälaten Traugott Schächtele und dem damaligen Musikdirektor Detlev Helmer, beide damals wohnhaft in Schwetzingen.
