Richard Wagner und der Film: Parsifal

Szene aus Parsifal. Deutsche Oper Berlin. copyright: Bettina Stöß

Berlin. Im Sommer war die Bayreuther Inszenierung des Bühnenweihfestspiels „Parsifal“ angesagt. Nun ist das Stück in der Deutschen Oper Berlin in der Inszenierung von Philipp Stölzl zu sehen. Die Cineastik steht im Fokus.

Von Frank Bürger

Die Schauspielerin Leni Riefenstahl verstand es, das ist nicht zu bezweifeln, cineastische Momente zu setzen. Oskar Kalbus schreibt auf S. 91–92 im I. Teil seines Werkes Vom Werden deutscher Filmkunst: Der stumme Film: „Weihnachten 1926 überrascht Fanck Fachwelt und Kinofreunde mit dem Film Der Heilige Berg. Die Natur steht hier nicht mehr mutterseelenallein im Mittelpunkt allen Geschehens. Wieder etwas Neues: die Natur ist nur noch Ausgangspunkt, nur noch Kulisse und Material für ein romantisches Drama, das sich in ihr abspielt. Mit diesem Stil ist Fanck noch über sich hinausgewachsen. Die männlichen Schauspieler in diesem Film sind nicht etwa Filmstars von Beruf, sondern Männer der Berge und des Lebens, Bergsteiger, die ihre Kunst noch ohne Puder und Schminke ausüben: der rauhe Luis Trenker, der kühne Hannes Schneider, der knabenhafte Ernst Petersen und die genialen Kameramänner Hans Schneeberger und Sepp Allgeier. Zwischen diesen herrlichen Männern steht eine für die Kinoleinwand neue Frau: die junge Tänzerin Leni Riefenstahl, ein beinahe unwahrscheinlich zartes, von feinsten Rhythmen beseeltes Geschöpf, keineswegs nur Tänzerin, sondern auch Schauspielerin, die viel natürliche Innerlichkeit mitbringt …“

Leni Riefenstahl lernte das Handwerk von der Pieke auf, mit großen Kollegen, großen Vorbildern, in idyllischer Landschaft. Reichspropagandaminister Joseph Göbbels erkannte das Talent und nutzte es zu seinen Zwecken, zu seiner Propaganda, die bis zum Ende der nationalsozialistischen Diktatur im Führerbunker reichte.

Kolberg ist ein 1943 bis 1944 gedrehter deutscher Historienfilm des Regisseurs Veit Harlan, der als Propagandafilm in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs den Durchhaltewillen der Deutschen stärken sollte. Er entstand im Auftrag und unter der Aufsicht des Propagandaministers Goebbels. Der Film bezog sich auf die erfolgreiche Verteidigung Kolbergs im Jahr 1807 und sollte die Auflehnung gegen einen übermächtigen Feind symbolisieren.

Der Agfacolor-Film der UFA basiert auf dem Schauspiel Colberg von Paul Heyse und der Autobiografie Joachim Nettelbecks. Die Uraufführung des „Durchhaltefilms“ fand am 12. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung, dem 30. Januar 1945, gleichzeitig in Berlin (Tauentzien-Palast, Ufa-Theater Alexanderplatz) und in der umkämpften Atlantikfestung La Rochelle statt, wodurch er zu den während der NS-Zeit im Deutschen Reich uraufgeführten deutschen Spielfilmen gehört.

„Hiermit beauftrage ich Sie, einen Großfilm ‚Kolberg‘ herzustellen. Aufgabe dieses Films soll es sein, am Beispiel der Stadt, die dem Film den Titel gibt, zu zeigen, dass ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet. Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, dass der hiermit von mir angeordnete Film im Dienste unserer geistigen Kriegführung steht“, so Propagandaminister Josef Goebbels.

Gedreht wurde der Film vom 22. Oktober 1943 bis zum August 1944 in der Ufastadt Babelsberg. Die Außenaufnahmen entstanden in Kolberg, Königsberg, Berlin und Umgebung.

Der dreizehnte deutsche Farbfilm war zugleich der einzige „durch und durch propagandistische Spielfilm“ und mit 8,8 Millionen Reichsmark Produktionskosten der teuerste, den die nationalsozialistische Filmpolitik hervorbrachte.

Philipp Stölzl. Foto: Residenztheater

Richard Wagner und Hitler, eine unselige Verknüpfung. Das sieht auch Regisseur Philipp Stölzl so.

Richard Wagner in Bayreuth. Foto: Frank Bürger

Warum beschäftigen Sie sich mit Wagner, wurde er von der Deutschen Oper gefragt.

„Sicher nicht wegen seiner verschrobenen Mythologie. Schon gar nicht wegen ihm als Mensch. Es ist die Musik. Die steht seit über hundert Jahren einfach so da mit ihrem hypnotischen Sog, ihren Abgründen, ihrer Verführung. Wagners Musik wird nicht alt– und lädt einen immer wieder dazu ein, sich ihr auszusetzen.“

Hitler war Wagner-Fan. Darf man seine Musik trotzdem genießen?

„Man versteht schon, warum sich die Nazis in der düsteren Epik von Wagner wiedergefunden haben. Aber Hitler mochte andererseits auch Mickey Maus, das ist eigentlich kein Kriterium, etwas von der eigenen Liste zu streichen. Für mich hat große Musik – nicht nur die von Wagner – eine metaphysische Qualität, die sie einer direkten politischen Wertung entzieht.“

Ein bekannter Film unter der Regie Stölzls ist ein Bergfilm: Nordwand.

„,Nordwand` etwa hat viel von Wagner. Der Protagonist leidet exzessiv, der Berg steht für die Gewalt der Natur. Auch die Musik ist an Wagner angelehnt, in Motiven, in seinem repetitiven Moment, das viel von Wagners Idee des Leitmotivs hat. Der Berg als musikalisches Motiv hat dunkle Klänge und einen Bläsersatz, der an PARSIFAL erinnert. Heute würde ich weniger Musik einsetzen, denn diese Klänge können Bilder so stark überhöhen, dass die Jämmerlichkeit in den einzelnen Figuren und Szenen nicht erkennbar ist“, sagt er dazu.

Mit diesem Hintergrund ging Stoelzl an die Inszenierung des Bühnenweihfestspiels.

Trailer zur Inszenierung 2012

„Bei PARSIFAL etwa fragte ich mich, wo dieser Gral herkommt und was Wagners Auseinandersetzung mit dem Christentum bedeutet. Durch meine Arbeit beim Film bin ich vielleicht auch näher am Publikum, das ja Oper immer im eigenen Kontext sieht. Unsere Vorfahren haben ihre Bildwelten aus Büchern gezogen. Meine Generation, die mit Kino aufgewachsen ist, deutet Oper auch aus dem Kino heraus.“

Kelch der Doña Urraca, Basilika San Isidoro, León

Blick auf die Bayreuth-Inszenierung 2023

Mit Klaus Florian Vogt und Günther Groissböck hat man zudem zwei absolute Spezialisten im Ensemble…Etwas Hauch von Bayreuth in der Deutschen Oper Berlin

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